Afrika,  Kamerun,  Ostkamerun

Lobeke Nationalpark #2: Lebensmittelvergiftung auf der Anreise

Ongola dämmert rosa, da stehen meine drei Freunde und ich auf einem Parkplatz des Diplomatenviertels Bastos. In diesem Moment ahnt keiner von uns was uns in den nächsten Tagen erwartet – sei es Lebensmittelvergiftungen, tödliche Schlangen, oder majestätische Gorillas. Wahrscheinlich hätte sich Tim, mein Freund aus Deutschland, der zum ersten nach Afrika gereist ist, bei diesen Schlagwörtern gar nicht erst in den Flieger gesetzt. Doch nun ist es zu spät. Zusammen mit unserem Fahrer Papa Simon, Fabienne und Gianluca schwingen wir uns in den gemieteten Pick-Up. Von Yaoundé, wie die Stadt auf Landkarten heißt, führt uns unsere Reise 800 Kilometer weit in den Lobéké-Nationalpark, ein unberührtes Regenwaldgebiet inmitten des Kongobeckens. Der Lobéké lockt uns mit seiner einmaligen Natur und die Aussicht Büffel, Gorillas und Waldelefanten in freier Natur zu beobachten. Erst einmal jedoch, steht uns eine harte Anreise bevor.

Von der Metropole zu den Goldminen des Ostens

Die ersten Kilometer kommen mir noch bekannt vor. Einkaufshallen, Werkstätten und ein Meer an Autos, die meinen Alltag in der kamerunischen Hauptstadt prägen. Doch mit jedem Schlagloch entfernen wir uns weiter von der Millionenmetropole und tauchen ein in das ländliche Leben Ostkameruns. Hier gibt es keine Ampeln oder Staus, nur gelegentlich halten uns Mautschranken auf – die aus langen, über die Straße hängenden Ästen bestehen. Umgeben von einem Dutzend Händlern, die Kolanüsse, Brausen und Früchte an unsere Fensterscheiben halten, übergeben wir dem Beamten 500 Francs Mautgebühr und haben wieder freie Fahrt. Unser heutiges Ziel: Yokadouma.

Ostkamerun ist die waldreichste Region Kameruns. 95% seiner Fläche sind von Regenwald bedeckt. Doch der Wald ist nicht seine einzige Ressource. Unter den dichten Baumkronen schlummern ergiebige Rohstoffvorkommen, wie Erze, Gold und Diamanten. An der Goldmine bei Kambele-Dem, neben mehrerer Hektar karger, aufgewühlter Erde, halten wir an. Erst 2022 starben hier wieder drei Menschen, mitverschuldet von den Bergbaufirmen, die ihre Gruben nicht schließen und so eine giftige und für die Bewohner gefährliche Umgebung hinterlassen. Offiziel wurden viele der Minen nach diesem Unglück dicht gemacht. Doch fand ich diesen Ort mit seinen Baggern und Arbeitern noch relativ belebt vor – bis auf die toten Baumskelette natürlich.

Auf der Buckelpiste bis nach Yokadouma

In Kambele endet der Asphalt und verwandelt sich in eine rötliche, staubige Erdpiste. Ab hier beginnt unser Abenteuer so richtig. Auf unserem Weg werden wir immer wieder von wagemutigen Hühnern überrascht, die sich scheinbar selbstmörderisch vor unsere Reifen werfen und nicht selten als Poulet-Purée (roulé) enden. Bei Einbruch der Dämmerung kommen wir schließlich in Yokadouma an, die letzte Stadt entlang unserer Route. An ihrem Rand liegt eine große Unterkunft für Geflüchtete aus der Zentralafrikanischen Republik, während in ihrem Ortsmittelpunkt eine kleine steinerne Statue steht – ein Elefant mit gebrochenem Rüssel. Seit der deutschen Kolonialzeit ist Yokadouma strategischer Knotenpunkt entlang des langen Transportwegs für seltene Tropenhölzer vom Regenwald zum Ozean. Es bietet den vielen Truckern Unterkunft und Treibstoff, und ist gleichzeitig noch dörflich genug, sodass seine einzige Tankstelle schlicht den Namen „Tankstelle Yokadouma“ tragen kann, ohne jemals verwechselt zu werden. Hier werden wir die Nacht verbringen und uns auf das bevorstehende Abenteuer vorbereiten.

Zum Abschluss des ersten Reisetages entscheiden wir uns, in einer Bar an der Hauptachse zu Abend zu essen. Tim und ich wählen vegetarische Kost: Beignet Haricot, also rote Bohnen mit frittierten Krapfen. Gianluca, unser italienischer Feinschmecker, genehmigt sich hocherfreut über den guten kamerunischen Fisch eine Mademoiselle, ein Salzwasserfisch vom tausend Kilometer entfernten Meer. Fabienne und Papa Simon, die Skeptiker, entscheiden sich ohne eine Mahlzeit schlafen zu gehen. Es stellt sich heraus, dass ihre Skepsis begründet war: In der Nacht folgte eine Hiobsbotschaft.

Lebensmittelvergiftung und Krankenhausbesuch am Ende der Welt

Eine Lebensmittelvergiftung. War es der Fisch oder die beigelegte Chili-Paste? Es kann uns komplett egal sein. Was wir sicher wissen ist: Die Köchin hat eindeutig zu viel Trinkgeld erhalten! Und da unser Freund Gianluca die ganze Nacht über dem Klo hängt, wissen wir auch, dass wir morgen nicht weiterreisen können. Die Ungewissheit über die Fortsetzung unserer Reise nagt an uns. Mit angespanntem Kiefer kaue ich auf dem Dilemma das unsere gesamte Gruppe beschäftigt: Tim ist nur für diese Reise nach Kamerun gekommen. Allerdings können wir Gianluca, unseren Förster, nicht einfach allein lassen. Ein schwieriger Moment für uns alle. Immerhin für morgen ist der Plan klar: Wir fahren ins Krankenhaus.

Die medizinische Infrastruktur in Yokadouma hat keine Lobrede verdient. Es mangelt an vielem: Ärzten, Medikamenten und sogar Bleistiften. Umso beeindruckender ist dahingegen die Freundlichkeit, mit der uns ein Arzt, ein eingefleischter VFL-Bochum Fan, an seinem freien Tag behandelt. Nach einiger Zeit auf dem schattigen Hof der kleinen Klinik werden wir in ein Einzelzimmer geleitet, in dem Gianluca versorgt wird. Infusion und Coca-Cola – die Mischung bewirkt Wunder! Plötzlich sind die ständigen Brechattacken gestoppt, und wir beginnen bereits wieder zu scherzen, was wir wohl zu Abend essen werden.

Wir verbringen die Nacht in den besinnlichen Gemäuern der Diözese und werden um sechs vom markerschütternden Geheul des Klosterhundes geweckt. Gespannt klopfe ich an Gianlucas Tür. Zu meiner Überraschung öffnet der strahlende Triester, bereits in Wanderkleidung gekleidet, und kann es kaum erwarten, loszulegen. Wir sind bereit! Auf zum Lobéké-Nationalpark!

Fröhliche Weiterfahrt und Platten

Die Stimmung ist euphorisch, als es plötzlich PENG macht! Der rechte Hinterreifen. Platt. In Papas Simons Augen sehen wir die Gelassenheit eines Mannes, der diese Situation schon unzählige Male erlebt hat. Routiniert hält er in einem Dorf an, steigt aus seinem Auto und verhandelt mit ein paar Jungs über die Reparaturkosten. Wir nutzen die Zeit für ein schnelles Essen – Reis mit Rindfleisch und Tomatensauce – und beoachten die Reparaturarbeit. Der Plan ist es, unseren Reifen an die Luftpumpe eines riesigen Holztransporters anzuschließen. Doch dafür verlangen die Jungs nach flüchtigem Blick auf unsere Hautfarbe 80€. Als wir wieder ins Auto steigen und Papa Simon fragen, wie viel er schließlich gezahlt hat, antwortet er: 1,50€. Lässig! Wir haben einmal mehr gemerkt, wie wichtig es ist, einen erfahrenen Fahrer und Geschäftsmann wie Papa Simon an unserer Seite zu haben.

Ankunft am Nationalpark – Planung im WWF-Büro in Mambélé

Bereits am frühen Vormittag erreichen wir Mambele, am Rande des Lobéké Nationalparks an. Mambele erinnert an ein Dorf aus einem Spaghetti-Western: Hölzerne Saloons, schattige Kochstuben und ein zentraler, offener Platz, der wie für Duellanten gemacht scheint . Eingerahmt wird diese orangene Kulisse – und hier endet der Vergleich – von einem nicht enden wollenden Regenwald. Hier liegt auch unsere Unterkunft, die Verwaltungsstation des kamerunischen Waldministeriums und des WWF (das sind die mit dem Panda auf dem Toilettenpapier).

Diese Mischung ist interessant. Draußen auf dem Vorplatz findet zwei Mal täglich ein Fahnenappel statt, bei dem alle still stehen, während die kamerunische Flagge von einem Mann mit ostentativ steifem Schritt und schlabbrigem Fußballtrikot gehisst wird. Naja, besser als steifes Trikot und schlabbriger Schritt. Das Büro des Konservators ist dann ganz klischeehaft mit Karten und Tierschädeln ausgeschmückt. Wir werden freundlich empfangen und besprechen sogleich die Details unserer Reise: Drei Tage und zwei Nächte werden wir an der Waldlichtung Djaloumbé verbringen. Morgen früh soll es losgehen!

Trennung – Der Große Schicksalsschlag für die Truppe

Am Abend packen wir eine letztes Mal unsere Rucksäcke, trennen die Tütensuppen von schweren Pullovern, sortieren Wechselschuhe, Jeans und unnötigen Schnickschnack aus, um unser Gepäck auf ein Minimum zu reduzieren. Plötzlich durchdringt ein vertrautes Geräusch die Wände: „Wöööörrrggggg…!“ Verdammt! Nach einem beschwerdelosen Tag muss sich Gianluca erneut übergeben. Es ist der schwierigste Moment unserer Reise: Nachdem sich Gianluca den Mund abgeputzt hat, sagt er uns, dass er nicht mit in den Nationalpark fahren wird. Während wir uns mit Gorillas von Liane zu Liane schwingen werden, wird er draußen auf uns warten. Es ist nicht fair: Die drei Hauptstädter fahren in den Regenwald, der Förster bleibt draußen. Erkenntnis des Tages: Fisch bleibt nicht lange gut, aber lange schlecht.

Rein in die Wildnis – Direkt ein Gorilla!

Mit 80 KMH rauscht unser weißer Pick-Up durch den Lobéké-Nationalpark. Fabienne, Tim und ich sitzen noch etwas traurig und leer auf der Rückbank. Doch trotz Gianlucas Abwesenheit sind wir nicht allein. Mit uns im Auto sitzt ein Fahrer und zwei Waldwächter. Hinten auf der Ladefläche außerdem unser Führer, zwei Träger, eine Köchin, ein weiterer Waldwächter und ein Mann, dessen einziger Job es ist, die auf der Straße liegenden Bäume mit einer Kettensäge zu zersägen. Dazu gesellen sich die Zelte, Isomatten, sowie Verpflegung. Das ist keine Reise mehr, das ist eine Expedition!

Nach wenigen Kilometern klopft es wie wild auf unserem Autodach. Ein Gorilla! – schreit unser Führer. Auf dem Dach? Nein, dort auf dem dicken Ast! Für einige Sekunden sehe ich ihn, einen mächtigen Silberrücken, der dort auf zehn Metern Höhe sitzt und uns beobachtet. Ich frage mich, wem ich mehr Respekt zollen soll: Dem Gorilla, der es trotz seiner Masse geschafft hat, soweit hochzuklettern oder dem Ast, dafür, dass er dem Gewicht standhält. Unser Getümmel ist dem Gorilla jedenfalls zu viel. So schnell wie er kam, ist er auch schon wieder im Wald verschwunden.

Nach vierzig Kilometern drosselt der Fahrer das Tempo. Am linken Straßenrand steht ein Schild und spricht von Djaloumbé, in 35 Kilometern. Der Pfeil zeigt dabei nach links, doch dort ist nur dichter, dunkler Wald zu sehen. Von einer Straße keine Spur. Ich denke, jemand wird dieses Schild vielleicht umgedreht haben, ein dummer Streich, nichts weiter. Eigentlich müssen wir noch weiter auf der gut gemachten Erdpiste fahren. Doch dem ist nicht so. Unser Weg führt tatsächlich nach links. Mitten in den Wald.

Wo der Einfluss des Menschen Endet – 40 Kilometer ohne Straße

So haben wir also keine Wahl und tauchen mit unserem Auto in das grüne Dickicht ein. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich jemals nach einer Erdpiste sehne, doch der grasige Waldboden ist tatsächlich noch holpriger, die „Straße“ nur noch eine drei Meter breite Schneise, links und rechts die Wildnis. Man sieht deutlich, dass seit zwei Monaten keine Menschenseele diesen Boden mehr betreten hat. Alle zwei Kilometer liegt ein Baumstamm auf dem Weg. Immerhin ist unser Säger jetzt nicht mehr arbeitslos – mit viel Fleiß sägt er Baum um Baum aus dem Weg.

Weil es im Auto ohne Fahrtwind schnell stickig und heiß wird, steigen wir zu den Säge-Pausen aus und schauen blöd ins endlose Grün. Immer wieder zucke ich zusammen, wenn es in den undurchsichtigen Bäumen knistert und ich den Verdacht habe, einen Affen gesehen zu haben. Aus Neugierde mache ich einen Schritt hinein in den Wald, doch der Wächter hält mich sofort zurück. Er warnt mich vorsichtig zu sein, da er nicht gleich am ersten Tag all seine Munition verschwenden möchte. Der Aufwand wäre ohnehin umsonst gewesen. Es stellte sich heraus, dass es nur ein riesiges braunes Blatt war, das im Kronendach hing.

Endlich Angekommen – Ab hier Beginnt die Wanderung

Nach zwei weiteren Stunden mühsamer Fahrt, mittlerweile schreien unsere Beine nach Bewegung, erreichen wir endlich eine Weggabelung. Bis zur Waldlichtung Djaloumbé sind es jetzt nur noch 6 Kilometer. Ab hier ist der Wald so dicht, dass unser Auto nicht mehr durchkommt. Hier setzt uns der Fahrer ab. Bis auf ihn und einen weiteren Waldwächter bleiben wir alle hier. Wir laden die Rucksäcke aus, schauen uns kurz um…da ist das Auto schon verschwunden wie eben der Gorilla.

Wir stehen mitten im Regenwald. Niemand kann uns hier sehen oder hören. Haben wir genug Wasser mit? Reichen die Instant-Nudeln? Die Fragerei hat jetzt ein Ende. Es gibt kein Zurück mehr.

Noch nicht genug?

Wenn du mehr über meine Reisen erfahren willst, dann schau doch gerne hier auf meinen unterschiedlichen Reise-Seiten vorbei:

Lobeke Nationalpark #1: Neue Schlangenart entdeckt?

Der erste Teil der Reiseserie in den Lobéké Nationalpark. Im Marsch durch den Regenwald entdecken wir Affen und seltene Schlangen.

Wochenend-Trip zur Affeninsel Marienberg

Mein Reisebericht mit Tipps und Kontakten nach Marienberg. Inmitten des breiten Stroms des Sanagas lebt eine kleine Gruppe Affen friedlich auf der Insel.

Blog abonnieren und keinen Eintrag mehr verpassen

Wohinnoch? ist ein Reiseblog, in dem wir mit ausgiebig Zeit die weniger beachteten Orte dieser Welt besuchen.

One Comment

Kommentar verfassen

Translate »

Entdecke mehr von wohinnoch?

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen