Cam-Peut-Être: Meine Horrorfahrt von Kamerun in die Republik Kongo
Berichte über albtraumhafte Anreisen haben auf diesem Blog Tradition. Die heutige Episode reiht sich in diese illustre Riege ein und landet dabei ohne Zweifel auf dem Podium. Wie aus vier Stunden Reise von Kamerun in die Republik Kongo vierundzwanzig wurden, und warum ich danach drei Tage lang dasselbe T-Shirt trug.
Pläne sind da, um geändert zu werden
Eine Dienstreise sollte mich das erste Mal in meinem Leben in die Republik Kongo führen, genauer nach Brazzaville. Von meinem Wohnort Yaoundé sind das nur tausend Kilometer Luftlinie. Doch wie ihr sicherlich wisst, ist das innerafrikanische Flugnetz nicht gut ausgebaut. Der erste Vorschlag der Reiseagentur: Flieg über Äthiopien, steige dort um, nach zwölf Stunden bist du da. Es herrscht ja gerade kein Spritmangel! Kurz: Die Idee ist mir zu irre. Also erspähe ich auf Vergleichsportalen eine Alternative: Mit Camair-Co, der kamerunischen Airline, nach Douala, kurzer Umstieg, weiter nach Brazzaville, Ankunft nach vier Stunden. Wer sagt da schon nein?

Einen Tag vor der Abreise bekommt meine Idealvorstellung erste Risse. Eine Push-Benachrichtigung auf meinem Handy: Man erwarte mich morgen um acht Uhr am Flughafen. Nicht mehr 14 Uhr? Kurz nachgefragt – ich wurde auf den früheren Flieger umgebucht. Also gut. Ich stehe um fünf auf, bin kurz darauf am Flughafen, wo man mich prompt wieder in den 14-Uhr-Flieger verschieben will. Ich bestehe auf mein Recht, gebe meinen Koffer auf und bin nach kurzem Flug bereits um neun in Douala. Dort erwartet mich die nächste Überraschung: „Ihr Anschlussflug geht erst um 21:30 Uhr.“ Statt einer habe ich plötzlich zwölf Stunden Aufenthalt in Douala. Ich miete mir ein Hotelzimmer und schaue Bundesliga. Was meine Laune nicht gerade hebt. Immerhin: Nach zehn Stunden im Bett bin ich ausgeruht.
Cam-Peut-Être
Gegen 19 Uhr bin ich zurück am Flughafen und die Überraschungen noch lange nicht vorbei. Man muss sich den Flughafen Douala einmal bildlich vorstellen: Nach dem Check-in läuft man durch unausgeschilderte Gänge und findet sich plötzlich in einer Parfüm-Boutique wieder, wo sich der Weg, von Duftwolken verschleiert, in drei vage Richtungen aufteilt. Wer falsch abbiegt, landet entweder in einem anderen Flugzeug oder gleich außerhalb des Flughafens. Am Gate angekommen steige ich fast in den Flieger zurück nach Yaoundé. Als ich „Brazzaville“ ausrufe, schaut ein Kontrolleur verwundert: „So früh? Das dauert hier noch.“

Ich setze mich in die leere Wartehalle, die sich mit jeder Stunde weiter füllt. Gegen 23 Uhr, anderthalb Stunden nach geplantem Abflug, ist kein Flugzeug in Sicht. Das Bodenpersonal teilt uns mit, das Flugzeug sei “bereits in der Luft“. Langsam bildet sich eine Traube müder Menschen um die Camair-Co-Mitarbeiter. Diese sind im Vermitteln zerstörter Hoffnungen jedoch so routiniert, dass der Mob schnell wieder abzieht. Camair-Co wird von seinen Landsleuten nicht umsonst „Cam-Peut-être“ genannt. Eine halbe Stunde vor Mitternacht landet endlich der Flieger. Hallelujah? Noch lange nicht, denn kurz darauf zieht ein heftiges Gewitter auf.
Kongo: Ankunft am Flughafen ≠ Ankunft im Hotel
Ein Start ist unter diesen Bedingungen unmöglich. Wir warten bis ein Uhr, dann beginnt das Boarding. Nach einem 90 Minuten-Flug durch blitzende Gewitterwolken landen wir in Brazzaville. Es ist drei Uhr nachts. Ich haste zur Passkontrolle, um der Warteschlange zu entkommen. Der Grenzbeamtin, die die Passagiere vorsortiert, halte ich meinen Reisepass entgegegn und setze mein bestes Pokerface auf. Da merke ich sofort: Die mag kein Poker.

„Wo werden Sie während Ihres Aufenthalts übernachten?“ – „Im Easy Home Hotel.“ – „Kenne ich nicht. Setzen Sie sich dort nach hinten, wir kümmern uns um Sie, sobald die anderen Passagiere durch sind.“ Diese Masche kommt mir bekannt vor. Ist das im Berghain nicht genauso? So leicht kommt man hier also nicht rein. Ich appelliere an ihre in der Ausbildung abtrainierte Menschlichkeit: „Bitte, ich bin müde!“ Womit ich mich, wie zu erwarten, noch weiter in die Nesseln setze. Nur in einem Punkt trage ich einen Sieg davon: Ich stelle mich nicht in die dunkle Ecke, sondern warte demonstrativ vor allen anderen. Die, so muss ich feststellen, wollen jedoch lieber nach Hause, als für die Gerechtigkeit eines bemitleidenswerten Deutschen zu kämpfen.
Nach 45 Minuten komme ich als vorletzter an den Schalter. Es folgen noch Bemerkungen wie: „Auf Ihrer Reisegenehmigung ist zwar ein Stempel, jedoch nicht auf der Rückseite!“ Mein Widerstand ist mittlerweile das Schweigen und schließlich darf ich Leine ziehen. Ich eile voller Hoffnung zum Gepäckband. Doch: Mein Koffer ist nicht da.
Der Schock sitzt tief. Kurz überlege ich, mich unter den Plastikwickler zu legen und als Kokon auf dem Gepäckband zu übernachten. Stattdessen gehe ich zum „Lost Baggage“-Schalter, wo zu meiner Verzweiflung, aber auch leisen Genugtuung, bereits zwanzig andere Reisende stehen. Alle haben das gleiche Problem. Nach einer weiteren halben Stunde ist auch diese Prozedur erledigt. Schließlich fahre ich ins Hotel, das ich ebenso nicht auf Anhieb finde. Um vier Uhr nachts falle ich, weinend und lachend zugleich, auf die weichen Daunen.
Suche nach Kleidung für den wichtigen Workshop
Ich bin nun schon seit zwei Tagen ohne Koffer am Ufer des Kongo-Flusses. Morgen findet im Rahmen meiner Arbeit ein wichtiger Workshop statt. In dem North-Face-Sportshirt, das ich seit der Einleitung trage, wäre ich dort sicher fehl am Platz. Ich brauche schicke Klamotten. Mein erster Gedanke: Ausleihen. Doch niemand der Kollegen hat meine Größe und das einzige Angebot ist für 150 € alles neu zu kaufen. Zu teuer, zumal ich mich mental bereits darauf vorbereite, beim Rückflug ohnehin alles wieder zu verlieren. Es ist 17 Uhr, die Läden schließen und ich brauche dringend eine Lösung.


Ich bin gerade dabei, das Hotel zu verlassen, als mich der empathische Rezeptionist Andros anspricht: „Haben Sie ein Problem?“, liest er mein Gesicht. Nach kurzer Schilderung nickt er kurz und nimmt mich bei der Hand. „Kongo ist das Land der Sapeurs! Kommen Sie, wir kaufen Ihnen ein Outfit!“ Gesagt, getan, nehmen wir den Bus, fahren ein paar Minuten und sind plötzlich auf dem lebhaften Markt ‚Total‘ – benannt nach der Tankstelle nebenan. Die Sonne steht tief, doch wir finden zwischen Gemüsehändlern und Schneiderständen noch was wir brauchen. Weißes Hemd: 1 €. Blaue Hose: 2 €. Für das Sakko fahren wir zu Andros nach Hause, zu seinem Bruder. Der arbeitet im Büro des Premierministers und ist so groß wie ich. Er leiht mir sein Sakko, kostenlos, und legt noch einen extravaganten Versace-Gürtel obendrauf. Die weißen Sneakers noch schnell geputzt und mein Outfit ist komplett. Andros, du bist mein Retter.
Wiedersehen mit meinem Koffer
Der Workshop ist gut gelaufen und mein Koffer kam wenige Stunden später, am Vorabend meines Abflugs an. Ich holte ihn gar nicht erst ab, am nächsten Tag war ich ohnehin wieder am Flughafen. Dort checkte ich ihn direkt ein, diesmal bei FlyGabon. Nach vier Stunden landete ich in Yaoundé. Mein Koffer auch. Umstiegszeit: 10 Minuten.


Wer schreibt hier?
Ich bin André, lebe seit 2022 in Kamerun und bin dein Anlaufpunkt für Reisen in Kamerun. Auf Wohinnoch? erkunde ich mit euch die Welt, schreibe Erfahrungen nieder und gebe euch Reisetipps. Wenn diese Worte nicht meine letzten an dich sein sollen, kannst du meinen Blog abonnieren und mir auf Instagram folgen.










2 Comments
Jennifer Miriam Löchel
Genialer Bericht 🤣 zum totlachen, wenn man nicht selbst dabei war. Aber bestätigt mal wieder mein Credo: in afrikanischen Ländern gibt es zwar viele Probleme, aber immer eine Lösung. In Deutschland gibt’s zu jeder Lösung ein Problem 😉
Andre
Der ist gut, muss ich mir merken 😃