Peaks of the Balkans

Tirana nach Budapest – Eine Odyssee

Die Reise, von der dieser Eintrag handeln soll, begann ganz ahnungslos mit meiner Ankunft in Tirana. Nachdem ich meine Rundwanderung, den Peaks of the Balkans, in Nordalbanien abgeschlossen hatte, begab ich mich auf südlichem Wege in die Hauptstadt Albaniens, von wo aus ich nach einigen Tagen Aufenthalt in Richtung Budapest aufbrechen wollte. Doch erst einmal musste ich in Tirana ankommen. Ein Minibus fuhr die auf dem Wanderwege spontan zusammengeschlossene Gruppe deutscher Reisender – darunter auch ich – vom nördlichen Hochgebirge in die auf Meeresspiegel gelegene Stadt Shkodra. Hier trennten sich unsere Wege und ich wurde lediglich von meinen zwei Berlinern, die darum baten, dass ich ihr gemeinsames Körpergewicht auf unter 130 Kilos herunterkorrigiere, begleitet.

Während diese sich nach unserer Ankunft in einem Spa-Hotel wie Götter behandeln ließen (zugegebenermaßen, das ist es, was wir Berliner sind), erlebte ich eine Odyssee ganz anderer Art. Trotz geringer Ausgaben auf der Wanderung hielt ich es für angemessener, in einem vom Internet empfohlenen Hostel zu übernachten. Als ich in dieses hineintrat, empfing mich eine düstere Gesellschaft herumlungernder Männer mit blutunterlaufenden Augen. Der rötlich-leuchtende Vorraum war mit schwitziger Luft geschwängert. Ich erkundigte mich bei demjenigen aus der Gruppe, der es noch am ehesten vollbrachte, ein minimales Maß an Vertrauen in mir zu erwecken, nach dem Gastgeber. Als dieser in seinem verschwitzten Feinripphemd hustend aus seinem Zimmer torkelte und mir das Sechsbett-Zimmer zeigte, war die Welt noch halbwegs heile. Was erwartet man schon für 9 Euro die Nacht? Doch spätestens als er den Schlüssel, den er mir soeben aushändigen wollte, mit einem vom Wahn befallenem Lachen in sein Ohr steckte und ihn dort spielerisch umherdrehte – vermutlich, um ihn etwas zu ölen – war ich mir sicher, dass ich die Nacht nicht hier verbringen würde. Ich begab mich zur Fluchttüre, öffnete diese und sah noch meinen närrischen Gastgeber mit einer Ladung Handtücher auf mich zukommen. Wer weiß, an welchen seiner Körperstellen sich diese schon entlangschleifen lassen haben.

Ich irrte daraufhin etwas in der Stadt umher, nicht ohne meinen sorgenvollen Blick auf die untergehende Sonne zu richten. Mobile Daten hatte ich nicht und fand daher nur mithilfe netter Mitmenschen ein weiteres Hostel, welches auf den ersten Blick etwas willkommener wirkte, will heißen: keine schmalzigen Schlüssel. Doch auch hier lungerten raue, schlecht gepflegte XY-Chromosomen aufeinander. Ich hatte keine Wahl, kehrte ein und bezog eines der sechs Betten.

Ich hatte es allen Anschein nach mit Gestalten des inoffiziellen Gewerbes zu tun. Es gab einen meiner Einschätzung nach Rumänen, der als „somebody from somewhere“ ein solches Mysterium aus seinen persönlichen Daten machte, dass mir nach einer Minute das Interesse an ihm verging. Über und neben ihm bezogen zwei Indonesier ihre Betten. Dank ihnen konnte ich nachts kaum schlafen, denn immer wieder kamen sie durch die Tür gelaufen, schlossen diese nicht richtig und ließen somit den Dunst aufgekochter Instantnudeln ins Zimmer treiben. Sonst gab es noch jemanden, der konstant schlief und einen Chinesen, der mir am sympathischsten war. Er wollte raus aus dem politischen System seines Landes, arbeitete für lange Zeit im Nahen Osten und ist jetzt, wer weiß warum hier.

Um dem Albtraum ein Ende zu setzen, buchte ich schon in der schlafarmen Nacht ein AirBnB, sowie eine private BlaBlaCar Fahrt nach Budapest. Auf meinem Telefon sah ich derweil neidisch die Spa-Videos meiner zwei Berliner. Glücklicherweise war die Unterkunft, die ich gleich am Morgen bezog, gemütlich und ruhig. 

Nun endlich zu Tirana: Ich traf mich am Tag des zweiten Umzugs mit einer albanischen Freundin, die mir gut informiert ihre Jugendstadt zeigte. Alles dreht sich um den Skanderbergplatz, in dessen Mitte der berüchtigte Skanderberg (keine Erhebung) auf seinem hohen Rosse sitzt. Der Mann ist das Symbol Albaniens nationaler Einheit. Schließlich war er es, der in heroischen Schlachten die Ottomanen aufhielt. Doch wurde er damit nicht zum Symbol gegen den Islam. Er propagierte stattdessen gleichzeitig das friedliche Zusammenleben aller Glaubensrichtungen und legte somit den Grundstein für Albaniens religiöse Diversität, die auch Enver Hoxhas fast 50-jährige kommunistische Diktatur nicht vollständig aus den Köpfen der Menschen entfernen konnte. Ein wahrer Nationalheld also.

Da wären wir auch schon beim nächsten, wohl wichtigsten Charakter für die kurze Geschichte des Nationalstaats, die 1912 mit der Gründung des Königreichs begann. Enver Hoxha war Albaniens erster Mann, welcher sich Stück für Stück erst vom kapitalistischen Westen und später auch von der Sowjetunion und China isolierte. Das Resultat: Ein paranoider Staat mit riesigem Sicherheitsapparat (Sigurimi) und Bunkern für jedes Stadtviertel als Ausdruck der Angst vor externen und internen Gefahren. 

Noch immer ist die Innenstadt voll von den Überbleibseln dieser Zeit. Es ist auch erst 30 Jahre her, dass die Diktatur gestürzt und ein demokratisches, wenn auch nicht weniger korruptes System an dessen Stelle trat. Das House of Leaves, welches etliche Ausstellungsstücke zeigt, welche die Raffinesse der Abhördienste belegen, sowie einige Bunker (Bunk’art) beherbergen heute Ausstellungen über die Ausmaße der Überwachungsdiktatur. Selbst vor nuklearen Anschlägen hatte sich Hoxha zu schützen genötigt gesehen: Es gibt dafür eigens eingerichtete Sicherherheitstüren.

Wenn wir unseren Blick vom Untergrund auf die Oberwelt richten, hätte unser Blick bis vor Kurzem spätestens bei 50 Metern Höhe seinen Höhenflug beenden müssen. Mittlerweile gibt es etliche, oft begonnene und selten fertigstellte Wolkenkratzer, gegen die die ehemaligen höchsten Bauwerke nur noch dahingehend auffallen, dass sie nicht aus Glas bestehen. Der neue Bauboom ist nicht zu verkennen. Von den zwanzig höchsten Gebäuden Albaniens stehen neunzehn in Tirana und keines dieser wurde vor 2004 gebaut. Fünfzehn gar 2018 oder später.

Alte Gebäude müssen dagegen nicht selten weichen: So zum Beispiel das Nationaltheater, welches nach langem Streit abgerissen wurde und dessen Neuauflage nun in einer Shoppingmall unterkommen soll. Ähnliches droht der Hoxha-Pyramide, die aus politischen Gründen nicht mehr ins Stadtbild gehören soll. Meine Begleiterin merkte an, dass jenes dunkle Kapitel Albaniens zwar auf seiner Oberfläche – also im Stadtbild – ausgemerzt, doch nicht in aller Tiefe aufgearbeitet wird. Anscheinend gibt es dazu auch bisher nicht wirklich Interesse. Kaum jemand fragte nach der Öffnung der Archive seine Überwachungsakte an. 

Tirana ist bunt und wild. Die Stadt, die täglich im dichten Verkehr zu ersticken droht, ist vom Leben prall gefüllt. Auf den Straßen laufen teuer frisierte Damen daher und von jeder Ecke hallt ein aufgeregtes Gespräch zwischen einem Busfahrer und einem Polizisten, zwischen zwei Händlern oder ganz einfach zwei sich in einer Bar amüsierenden Herren. Die Bürgersteige sind schmal und die Straßen bevölkert von kreuz und quer fahrenden Vehikeln aller Art. Auch bettelnden Kindern begegnete ich mehrmals täglich. 

Wir besuchten die nationale Kunstgalerie, die eher einem Atelier glich: In einer die Sinne überfordernden Dichte stehen hier Gemälde und Skulpturen der größten albanischen Künstler des letzten Jahrhunderts auf engem Raum. So wie Malern einst nur einfiel, Jesus und Maria zu malen, so sieht man hier auffallend viele Bilder mit heroisch in die Zukunft blickenden Männern, wahlweise mit einem Baby auf dem Arm, einem Hammer in der Hand und dem roten Stern auf der Brust. Fleißig arbeitende Frauen auf den Weizenfeldern kündigen die nächste erfolgreiche Ernte, mit der einmal mehr bewiesen wird, dass Albanien ohne den Rest der Welt überleben kann, an. Die Galerie ist beeindruckend, denn immer wieder merkt man, wie die nicht immer systemkonformen Maler impressionistische Elemente durchfunkeln lassen, die damit ihre Sehnsucht nach anderen Motiven auszudrücken versuchten. Auf diesen Gedanken bin ich freilich nicht selbst gekommen, er stand auf einer der Informationstafeln.

Plötzlich empfing eine SMS: Ihre BlaBlaCar-Verbindung morgen nach Budapest wurde storniert. Großartig. Die Museumstour ist also vorbei und ich hatte arge Not, mir eine Verbindung für morgen herauszusuchen. Komischerweise wurde ich nicht panisch und blieb ruhig, denn irgendwie hatte ich das Gefühl: Ich bin in Albanien, irgendwie wird das schon funktionieren. Das Internet als Anlaufstelle (ich hatte die Erfahrung schon bei den Hostels gemacht) kann man in Albanien getrost vergessen. Ich ging also zur Busstation und fragte mich wie in guten alten Zeiten von Schalter zu Schalter. Hier Griechenland, dort Zagreb oder Istanbul. Es dauerte eine kleine Weile, bis ich eine Verbindung ausmachte: Busfahrt über Nordmazedonien nach Budapest, morgen um 13 Uhr.

Als ich zu besagter Uhrzeit in den Kleinbus stieg, waren eine Amerikanerin und ich noch die fast einzigen Fahrgäste. Ich überredete den Busfahrer nur das Busticket an sich zu nehmen, welches auch seinen Bus betrifft und setzte mich ans Fenster meines Platzes. Die Fahrt führte unsere kleine Gesellschaft durch die wunderschön erhabenen Berge Nordmazedoniens. In einem kleinen Ort, dessen Namen ich vergessen hatte, stiegen wir in einen größeren Bus mit deutlich mehr Passagieren um.

Wahrscheinlich, weil man sich als Soloreisender unter miteinander plaudernden Menschenmassen einsamer fühlt als in ohnehin stillen Gegenden, fingen die Amerikanerin und ich jetzt auch ein Gespräch an, welches allerdings durch ihr Aussteigen in Skopje unterbrochen wurde. Für mich war die Fahrt noch lange nicht vorbei. Mein von der Dame im Reisebüro krackselig verfasstes Ticket konnte nur mithilfe Deutsch sprechender Albaner vom Ticketkontrolleur im Bus gelesen werden. Ich bereitete mich nun auf die Nachtfahrt durch Serbien vor. Angepeilte Ankunftszeit in Budapest war 6 Uhr. Die Nacht verlief nicht gerade angenehm, dafür passierten wir zu viele Grenzen mit einhergehenden Pass- und Coronakontrollen. Ein jeder musste, ob er nun endlich Schlaf gefunden hatte oder nicht, in die Kälte der Nacht aussteigen und sich frierend in Warteschlangen begeben.

Endlich – der Morgen graute schon – befand auch ich mich in der Tiefschlafphase, die nur ein Schaffner mit imposantem Sprechorgan zu stören vermochte. So einer war glücklicherweise anwesend. Es rief von vorne und nur an mich gerichtet „Budapest!“ und eh ich mich versah, sah ich den Bus von dannen düsen.

Erst einmal stand ich verdutzt mit meinem Rucksack an einer Tankstelle irgendwo 10 Kilometer vor Budapest. Es war wie versprochen 6 Uhr morgens. Dann lief ich verdutzt von links nach rechts. Für lösungsorientiertes Denken war es eindeutig zu früh. Später fragte ich bei der Suche nach einem Ausweg verdutzt nach dem Preis eines Taxis, welcher so astronomisch war, dass ich diese Idee schnell verwerfen musste. Ein Trucker mit Hotdog im Mund brachte mich auf die Idee: Trampen. Das sollte doch ein Leichtes sein. Doch leider befand sich die Tankstelle etwas hinter der Budapester Ausfahrt, wodurch jeder, der nach Budapest wollte, schon längst abgebogen sein musste. Alle, die hier hielten, wollten nach Wien.

Nach endlosem Fragen fand ich schlussendlich doch noch einen ukrainischen Trucker, der sich meiner erbarmte. Er nahm mich zwei Kilometer mit und setzte mich nahe einer Busstation aus. Fast wäre ich die Steilstufen des LKWs runtergekracht, so sehr zog mich der Gedanke an ein gemütliches Hotelbett zur Busstation. Ich bedankte mich ausdrücklich und konnte nach weiterem Umsteigen in den städtischen Zugverkehr endlich meine dreitägige Odyssee von Theth im Norden Albaniens bis nach Budapest für beendet erklären.

Wohinnoch? ist ein Reiseblog, in dem wir mit ausgiebig Zeit die weniger beachteten Orte dieser Welt besuchen.

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