Kamerun hat Besuch
„On est pauvre, mais on n’est pas misérable“
Wohl selbst überrascht von dieser kalenderspruchreifen Zusammenfassung seiner vorher in einer Stunde dargelegten Sicht über sein Land, wiederholte der Museumsführer Robert (*Name geändert) diesen Satz noch weitere vier Mal, bis er mit seiner Analyse fortfuhr. Er und viele weitere gaben eine Momentaufnahme Yaoundé’s rund um den Staatsbesuch von Emmanuel Macron in Kamerun.
24.07 : Die Vorbereitungen
Am Sonntagmittag sind die Straßen Yaoundés wesentlich ruhiger zu erkunden als an jedem anderen Tag. Bis auf die omnipräsenten Händler und Taxifahrer hat sich der Großteil der Werktätigen heute zur Ruhe gesetzt. Doch auch sie verkehrten weniger frequent und lautstark als an normalen Wochentagen. Einzig der pompöse Kreisverkehr am Boulevard des 20. Mais beschäftigte an diesem wolkenbedeckten Tag mehr Arbeiter als sonst. Ein paar Maler wurden für heute engagiert, um den innenstädtischen Stuck mit neuem Weiß zu bepinseln. Der Grund dafür ließ sich leicht an angrenzenden Plakaten und Fahnen ablesen: schon morgen erwartet der kamerunische Präsident Paul Biya seinen Amtskollegen Emmanuel Macron zum ersten Besuch seit seiner französischen Präsidentschaft.

Schon hunderte Male las ich beim Vorbeifahren den auf zwei riesigen Bögen plakatierten und auf Französisch und Englisch verfassten Schriftzug „Ich liebe mein Land, Kamerun“. Heute zahlte ich dann aber zum ersten Mal den Touristenpreis von fast zehn Euro, um in das umzäunte Gelände des Kreisverkehrs einzutreten. Die Wasserfontänen unter den Bögen boten den Besuchern dabei genug kreativen Spielraum für Familienfotos, die jahrelang später Wohnzimmerwände schmücken werden.

Wie im Auge des Orkans herrschte im Inneren des Kreisverkehrs eine unwirkliche Ruhe, während sich außerhalb der Verkehr kurz bündelte, um dann auf seine verschiedenen Bahnen ausgestoßen zu werden. Eingerahmt wurde die Szenerie von unzähligen Gebäuden von Rang und Prestige, wie der Zentralafrikanischen Zentralbank, einige der 33 Ministerien und dem Hilton Hotel, dem späteren Aufenthaltsort Macrons.

Mein Weg führte mich weiter in das nicht unweit gelegene Blackitude Museum. Von Madame Fo Nab Ngo, Mitglied einer royalen Familie aus Foubam, gegründet, stellt diese Ausstellung einen wertvollen Ort dar, an dem die von Ritualen und Traditionen strotzenden Kulturen der verschiedenen Völker Kameruns thematisiert und historisch eingeordnet werden. Einen großen Anteil daran hatte auch Robert, mein heutiger Museumsführer.
Um meinen Besuch anzukündigen, nahm ich auf einem alten Polsterstuhl im Rezeptionsbüro Platz. Auf Schreibtischen und Regalbrettern türmten sich Dossiere und Akten, hier und dort unterbrochen von einem Strohhut oder einer Vuvuzela. Robert, der mir in seinem blauen T-Shirt schräg gegenübersaß, war selbst am Sonntag hier um die wenigen Besucher zu empfangen, die sich an diesem Ruhetag hierher verirrten. Höchstwahrscheinlich war ich heute sogar der einzige Besucher und wie so oft – keine Überraschung bei den Einheitspreisen von acht Euro – kein einheimischer.

Der übliche Small Talk als Mittel gegen lange Wartezeiten begann mit einer Frage über die durch das Fenster sichtbaren Vorbereitungen des morgigen Staatsempfangs und endete in einer angeregten einstündigen Konversation. Nach kurzem anfänglichem Zögern über den anstehenden Staatsbesuch brachte er den schwindenden Einfluss Frankreichs in all seinen früheren Kolonien zum Ausdruck. Vor allem die Jugend setze sich kritisch mit dem momentanen Verhältnis der beiden Länder auseinander und würde dank der nun vorhandenen Alternativen die empfundene Scheinheiligkeit europäischer Moralvorstellungen nicht länger folgenlos hinnehmen müssen. Er bezeichnete sich als Kriegsgegner und hatte als solcher dennoch wenig Verständnis gegenüber die an Russland gerichteten Sanktionen, von denen der Westen nur dann Gebrauch mache, wenn der Krieg auf seinem Heimatkontinent stattfindet und nicht im globalen Süden, wo nun ganz nebenbei die Ernährungssicherheit von Millionen von Menschen infrage gestellt wird. Die an Grenzen haltenden Moralvorstellungen der Europäer hätten die Menschen hier maßlos enttäuscht. Der letzte Satz deckt sich mit meinen Erfahrungen: So wenig und so verzerrt Europa auf Afrika blickt, so haargenau verfolgen die Kameruner jedes noch so kleine Detail europäischer Politik, welches auf ihr eigenes Leben rückwirken könnte. Teils wird diese noch tagelang im Radio und den aktiv betätigten WhatsApp Status durchgekaut.
So zieht es immer mehr Kameruner zum Studieren nach China oder auf die arabische Halbinsel, trotz aller europäischer Bedenken, die nach jahrzehntelanger Kolonialisierung den Zeigefinger gegenüber fernöstlicher Investitionen erheben. Doch die Welt sei pluralistisch, meinte Robert, als sein Telefon bei dieser Formulierung aufgeregt anfing zu klingeln. Er drückte den Anruf weg. Kein Model, fuhr er fort, sei gut genug, als alleinige Lösung zu dienen, schon gar nicht, wenn es importiert wurde.
„On est pauvre, mais on n’est pas misérable.“
Die Verantwortung liege im eigenen Land, in den Händen der lokalen Akteure und in deren harte Arbeit. Um das vorhandene Potenzial besser auszuschöpfen als bisher, brauche es nach mehr als 40 Jahren einen Wechsel an der Spitze. Doch der Weg dahin würde anders aussehen als der in Europa. Hier gäbe es keine derartige Demonstrationskultur, vielmehr seien bei all den innenpolitischen Schwierigkeiten die Menschen auf sozialen Frieden bedacht.
Mit Blick auf die Öffnungszeiten, deren strikte Einhaltung ich zwar bezweifelte, doch war es am Sonntag nicht mein Anliegen, Robert noch länger von zu Hause fernzuhalten, bat ich ihn um eine Verschiebung unseres Gesprächsortes von der Rezeption in den Ausstellungssaal, wo wir unsere Besichtigung starteten. Selbst nach drei Mastern in Frankreich und Ägypten in den verschiedenen Sphären der Museologie, geriet er vor manchen Ausgrabungsstücken ins Spekulieren oder gar ins Schweigen. Es gäbe weder ein einheimisches Labor zu mikroskopischen Untersuchung noch die nötigen Mittel für einen Versand an ferne Labore. So schlugen in seiner Brust zwei Herzen, wenn er an die Rückgabe afrikanischer Artefakte an ihre Ursprungsorte denkt: Rückkehr in die Heimat gegenüber Aufbewahrungsproblematik. Doch die Diskussion findet ohnehin nicht zwischen den Museen statt: es sei die Diplomatie zwischen den Ministerien der verschiedenen Länder, die über Rückgaben entscheiden würde. Für die Zwischenzeit könne man jedoch laut ihm über eine zu entrichtende Leihgebühr vom Fremdbesitzer an den Eigentümer nachdenken.

Die Ausstellung an sich bot tatsächlich viele königlich wirkende Objekte. Einen riesigen Flusspferdschädel habe ich jedenfalls noch nicht in den heutigen Unterkünften der Kameruner erblicken können. Während die Tierüberreste als Zeugnis der betriebenen Jagd dienen, geben Skulpturen und Kleidung Aufschluss über Rangordnungen innerhalb der Gesellschaften. Besonders fiel mir eine aus Menschenhaaren geflochtene, körpergroße Maske mit furchteinflößendem Antlitz auf, vor der nicht nur Kinder flüchten würden. In Anwendung verbirgt sich hinter dem Kostüm ein Bürger in der Rolle eines Polizisten und Überbringers von schicksalhaften Nachrichten.
26.07: Staatsbesuch von Macron
Als gestern Nacht Emmanuel Macron am Flughafen landete, waren die meisten Kameruner trotz des Appells des Bürgermeisters, den Franzosen zu begrüßen, mit für ihre Leben wichtigeren Dingen beschäftigt: Schlafen. Die meisten Leute, die ihm auf den Straßen zuwinkten, wurden dafür laut vielfach gehörter Meinung mit insgesamt 10 Millionen XAF entschädigt. Alles – die Fahnen in der Stadt, die Straßensperrungen, die Berichterstattung – stand in scharfem Kontrast zum Desinteresse der Bürger an diesem Schauspiel, die sich eigentlich nur fragten: Was will der Typ hier?
Ob er nun, wie von der Staatspresse berichtet, auf Einladung kam oder sich, wie man mit Hinblick auf die Formulierungen des eben genannten Typs mindestens vermuten kann, selbst eingeladen hat, spielte eigentlich keine Rolle. Wie die folgende Situation zeigt, löste seine Präsenz hauptsächlich kollektives Achselzucken aus.
Neben einem kleinen Militärkonvoi an einer beliebigen Straße, die an einer der Hauptachsen der Stadt anschließt, sammelten sich gegen Mittag ein paar Menschen in merkwürdiger Stille. Der Weg war von der Armee blockiert. Niemand hier war zum Applaudieren gekommen, alle wollten schlicht auf die andere Seite der Straße und waren spürbar genervt von der Sperrung. Eine Frau unterbrach die Stille mit der Bitte passieren zu dürfen, ihre Schwester gebäre gerade ihren Neffen. Sie reihte sich schlussendlich neben mir in die Riege der Wartenden ein. Sekunden nach den Sirenen, die das unerwünschte Spektakel ankündigten und ein leichtes Zusammenziehen unseres immer noch totstillen Wartepulks auslösten, rasten Macron und seine Entourage von dutzenden Polizeimotorrädern, schwarzen Autos mit abgedunkelten Scheiben und Krankenwagen an uns vorbei. Erlöstes Geplauder erfüllte endlich die Menge, so als wäre man knapp dem vorbeiziehenden Spuk entkommen. Ein oft auf den Straßen wahrgenommenes Thema war Macrons wesentlich ältere Ehefrau. Die kinderlose Ehe ist einer der Gründe, warum der Franzose hier nicht besonders respektiert wird. Währenddessen rollten die wartenden Taxis immer dann, wenn gerade keiner hinsah, näher an die Absperrung heran. Nach zehn Minuten – Macron war nun in sicherer Distanz – gab das Militär die Straße endlich frei. Als die Menge sich auflöste, war ich der Einzige, der in die Richtung zurückging, aus der er gekommen war und fühlte mich etwas kriminell, diesem Schauspiel aus Neugierde und nicht aus Zufall beigewohnt zu haben.

27.07: Der Tag danach
Das dominierende Thema im „Cameroon Tribune“, der Haus- und Hofzeitschrift der Regierung: Begeisterung über die erneuerten Beziehungen beider Länder. Das einhellige Thema am Plaudertisch, auf YouTube oder in den WhatsApp Status: Das schwache Gehör Paul Biyas, der die Fragen der französischen Presse mehrmals nicht verstand, seine humorvoll zynische Antwort auf ein potenzielles Ende seiner Amtszeit und die Überheblichkeit Macrons.
Dass das Alter des kamerunischen Präsidenten dauernd in westlichen Medien erwähnt wird, stößt bei einigen Menschen hier auf Missmut, dabei ist sein Gesundheitszustand in lokalen Debatten eigentlich genau so oft Thema. Die Loyalität des kamerunischen Volkes, von Regierungsfreund- bis Gegner, gehörte gestern wenig überraschend dennoch dem eigenen Präsidenten. Das schien Macron bei seinem Presseauftritt anscheinend nicht ganz zu berücksichtigt zu haben. Er redete doppelt so lange wie sein Partner, machte Vorschläge zur Lösung interner Probleme und verwies bei Hinweisen auf europäische Doppelmoral schlicht auf kamerunische Doppelmoral. Das Momentum scheint auf der Seite anderer.
Anders als die etwas kritischeren Lokalzeitschriften erkannte der Cameroon Tribune dennoch die vielen Menschen, die auf den Straßen jubelnd zum Gelingen des Staatsempfangs beitrugen. Das las ich, als mir ein Fetzen der Zeitschrift als vergilbte Essunterlage für die gegrillte Kochbanane, die ich gerade bestellt hatte, überreicht wurde. Mit der Titulierung eines Erfolges lag der Tribune bei seiner Beschreibung des Vortages alles in allem auch gar nicht weit daneben: Keiner erwartete ernsthaft etwas von diesem Treffen und keiner wurde dahingehend enttäuscht.


