Kamerun,  Leben

Der richtige Sitzplatz im Bus – Eine Gebrauchsanweisung

Reisen. Was für ein wunderbares Wort! Von „to rise!“, „aufstehen“, leitet es sich ab und lässt uns sofort an Huckleberry Finn‘s Abenteuer denken. Doch was ist das nur für eine Illusion! In Wahrheit beginnt eine Reise doch immer mit einem „sich setzen“. Auf das verstaubte Moquette eines alten Reisebussitzes zum Beispiel. Nur auf welchen? Diese Frage überfordert nicht wenige Hobby-Abenteurer, weswegen ich mich heute ihrer Antwort widmen möchte. Oder anders: Ein Plädoyer zu Hause sitzen zu bleiben.

Da ist noch Platz.

Als Erster oder als Letzter Einsteigen?

„Wie wähle ich beim Einsteigen in den Reisebus den richtigen Sitzplatz aus?“ Welcher Reisende hat sich beim Warten am Bahnhof noch nicht über diese Frage den Kopf zerbrochen? Als erstes einsteigen und so die freie Platzwahl genießen? Klingt verlockend. Doch kann so nicht mehr kontrolliert werden, wer sich neben einen setzen wird. Es ist nur der Beginn einer in Sekunden hereinbrechenden, unendlichen Entscheidungsfülle. Aber der Reihe nach.

Der Busbahnhof in Bafoussam
Kurz Tanken.

Vorne oder Hinten?

Steigt man bereits völlig überfordert in den Bus, da wartet direkt die Gretchenfrage: Vorne oder hinten? Diese Problematik sollte unbedingt unter den jeweiligen kulturellen Rahmenbedingungen betrachtet werden. Der Platz in erster Reihe kann in Ländern mit Gurtpflicht Übelkeit vorbeugen. In Ländern ohne Gurtpflicht muss dieser Vorteil jedoch mit dem Risiko abgewogen werden, bei einer Vollbremsung durch die Frontscheibe zu fliegen. Auch die Wichtigkeit eines Beziehungsaufbaus zum Fahrer kann von Kulturkreis zu Kulturkreis variieren. Die Attraktivität hinterer Plätze wiederum hängt stark vom Restpublikum ab. Im Falle einer mitreisenden Schulklasse ist die letzte Bank, die sonst durch hohen Liegekomfort besticht, unbedingt zu vermeiden. Auch sollte dabei, nach Bestimmung des Fahrtwinds (oft Gegenwind), nie die Position der Bordtoilette außer Acht gelassen werden. Sie vereint nämlich gleich drei Übel: Unangenehme Geruchserfahrungen, Lärmbelästigung und einen nicht verstellbaren Sitz.

Gut geparkt in die Mittagspause

Fenster oder Gang?

Sind die ungefähren geographischen Koordinaten des Aufenthalts ausgemacht, stellt sich ein weiteres Rätsel: Fenster oder Gang? Es ist und bleibt eine Charakterfrage! Sind Sie Träumer oder Realist? Ist die beißend blendende Sonne dafür in Kauf zu nehmen, dass die Gepäckausgabe im Sichtbereich Ihres wachen Adlerauges bleibt? Oder überwiegt das Argument der Beinfreiheit, auch wenn sich dabei das ein oder andere vorbeidrängelnde Hinterteil in Ihr zur Ruhe gelegtes Gesicht drückt? Niemand wird bestreiten, dass all diese Fragen auch immer in Hinblick auf Ihren Mitreisenden beantwortet werden müssen. Experten empfehlen hier, diesen frühzeitig (Pubertät) und komplementär zu Ihren Präferenzen auszuwählen. Kurz: Sie müssen Ihren ganz eigenen Stil, ihre persönliche Handschrift finden.

Atmen Sie nun einmal tief durch. Fühlen sich auch so erschöpft? Fragen Sie sich, wer in diesem Chaos noch zu einer differenzierten Meinungsbildung in der Lage sein soll? Beschleicht Sie nicht auch das Gefühl, dass selbst der Zufall ein besserer Ratgeber wäre? Aber mitnichten! Es gibt ja doch eindeutige Faustregeln, die sich jeder Dilettant schnell aneignen kann. Hier sind sie:

  1. Durchsuchen Sie den Bus auf tropfende Klimaanlagen, fehlende Kopflehnen, aufgekratzte Sitzflächen oder ungünstige Lautsprecherpositionierungen.
  2. Schauen Sie zum Sitzplatz vor Ihnen: Müde, Kranke und Alte (allgemein Sterbende) sind die Ersten, bei denen der Sitz direkt nach Verlassen des Busbahnhofs nach hinten kippt und Ihren Kaffee auf Ihrem Schoss verteilt.
  3. Selbstverständlich fällt Ihr Blick auch auf die Verteilung der anwesenden Kinder. Hier greift die im Erstsemester erlernte Chaostheorie: Kindergruppen schreien seltener als Einzelkinder – es sei denn es handelt sich um Geschwister. Machen Sie sich Verspätungen also zunutze und erfragen sie schon auf dem Bussteig nach etwaigen familiären Problemkonstellationen.
Nächster Eintrag: Wie wählt man den richtigen Motoman?
Jedes Modell eine andere Baureihe…wer blickt da noch durch?

Mein Fazit

Wenn Sie trotz wochenlanger Vorbereitung, Schweiß und Tränen das Gefühl beschleicht, auf dem falschen Platz zu sitzen, bedenken Sie bitte immer eines: Der gute Ton verbittet es dem Sitzplatzkavalier getroffene Entscheidungen zu revidieren. Etwaige Nickligkeiten um geklautes Gepäck oder einen wildfremden Dalmatiner auf Ihrem Schoss sind stets mit stoischer Würde zu begegnen. Auch bei Nachtreisen. Fürs nächste Mal wissen Sie dann, welcher der beste Sitzplatz gewesen wäre: Ihr gemütlicher Sessel im heimischen Wohnzimmer.

Wer schreibt hier?

Ich bin André, lebe seit 2022 in Kamerun und bin dein Anlaufpunkt für Reisen in Kamerun. Auf Wohinnoch? erkunde ich mit euch die Welt, schreibe Erfahrungen nieder und gebe euch Reisetipps. Wenn diese Worte nicht meine letzten an dich sein sollen, kannst du meinen Blog abonnieren und mir auf Instagram folgen.

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