Peaks of the Balkans

Peaks of the Balkans Wanderung Teil 2 – Blaubeerkuchen und ein Rockstar

Die Nacht in Cerem war sternenklar und wurde von einem Gebellorchester der Wachhunde begleitet. Ich frage mich immer, wie weit die Kette bellender Hunde wohl reichen mag und da ich nun schon beim Thema Ketten bin: Man traut sich nachts kaum raus auf die Toilette, wer weiß, ob die Biester freigemacht wurden.


3. Etappe: Cerem nach Doberdol

Meine heutige Etappe führte mich bis nach Doberdol, und dabei zwei Mal über die kaum noch als diese zu erkennenden Grenzsteine – einmal von Albanien nach Montenegro und dann wieder zurück nach Albanien. Geprägt war sie von humanen Anstiegen in verwunschenen Wäldern, einigen großen, gelben Wiesen und vorbei an ganz vielen Beerensträuchern.

Vor allem die Blaubeeren nahmen Überhand an. Hätte ich einen Eimer mitgehabt, hätte ich sie literweise mitgenommen. Doch diese anstrengende Aufgabe überließ ich den hier ansässigen Albanern, die deutlich mehr damit anzufangen wussten. Ungefähr auf der Hälfte des Weges und damit auch am höchsten Punkt, kehrten wir – ich war mit einem deutschen Pärchen unterwegs – nämlich in einer kleinen Bar ein, in der uns schmackhafter Blaubeerkuchen serviert wurde. Zusammen mit einem Tee war es die bis dato schönste Belohnung nach einem zwar nicht steilen, aber doch langen Anstieg.

Die ganze Region scheint im Moment in einem wahnsinnig schnell verlaufenden Wandel: Nicht nur in den Touristenhochburgen Theth und Valbona, sondern auch hier irgendwo im Nirgendwo wird in unnachgiebiger Art gehämmert und gesägt, damit schon nächstes Jahr mehr Schlafmöglichkeiten für neue Gäste bestehen. Auch in der Unterkunft gestern erklärte uns einer der Söhne, dass das rudimentäre Betongerüst neben uns nächstes Jahr zwei Stockwerke höher sein wird und damit insgesamt 30 Zimmer beinhalten soll. Ob diese Zimmer jemals voll ausgebucht sein werden? Wir waren insgesamt nur drei Gäste und auch wenn Corona weiterhin die Touristenzahlen drückt, ist unsere Gastfamilie bei Weitem nicht die einzige mit solch ambitiösen Plänen.

Ich setzte meinen Weg fort. Er sollte mich durch Balqin führen, einem an den Bergen hängenden, fast ausgestorbenen Dorf, in dem die Hütten vom Wind geneigt etwas schief stehen und das Gemüse über die Gartenzäune wächst. Der Begriff Dorf ist dabei schon beinahe übertrieben, denn hier leben ganze drei Familien. Hätte ich statt meines Nylontrikots ein Kettenhemd angehabt, hätte sich diese Szene auch genauso gut im Mittelalter abspielen können.

Eine ältere Frau winkte schon von Weitem aus ihrem Haus und überzeugte mich einen Tee bei ihr zu trinken. Eigentlich hatte ich gar keinen Durst mehr, doch ihr Anwesen sah so verwunschen aus, dass ich nicht ablehnen konnte. Camille war eine robuste, ältere Frau, der die Zeit die Falten so malerisch ins Gesicht gezeichnet hat, dass man sich sie gar nicht ohne vorstellen möchte.

Auf ihrer Terrasse angekommen stellte sie mich ihrer Enkelin Giulietta vor. Während ich meinen Tee serviert bekam, versuchte sich die Vierjährige am Bau eines Turmes aus Plastikbechern, der immer dann umkippen sollte, wenn sie ihre Aufmerksamkeit auf meine merkwürdige Wanderererscheinung lenkte.

Das Gleiche passierte erneut, als ich meine Ukulele aus dem riesigen Rucksack holte: Mit großen Augen bestaunte Giulietta das minimalistische Instrument und fand sich kurzerhand selbst in der Rolle einer Saitenschlägerin. Die Kleine war so beeindruckt, dass sie ganz die Kontrolle über ihre Kinnlade verlor, sodass ihre Zunge neugierig aus dem Mund hang, so als wenn sie auch mal nachsehen wollte, was für ein Gegenstand da so lustige Laute machte. Ich hingegen war andauernd hingerissen zwischen Ergriffenheit, ob des süßen Anblicks und Panik, dass jeden Moment eine der Saiten reißen würde, denn Giulietta glich, der Anschlagstärke nach zu urteilen, eher einer Bassistin.

Ich setzte meinen Weg fort. Er führte mich noch über plätschernde Bäche und entlang aussichtreicher Wiesen, an denen ich das Letzte der leckeren Wegebrote mit ein wenig Feta und Tomaten verspeiste. Es war nicht mehr weit und so entschloss ich mich dazu, mich noch einmal zu verlaufen und verlor dabei 100 Höhenmeter, die ich alle wieder einsammeln musste.

Irgendwann kurz nach 14 Uhr öffnete sich dann aber doch das malerische Doberdol, eine spartanische Siedlung, eingerahmt von Wiesen, die hier in grün, dort in gelb oder rot im Mittagslicht flackerten, immer wieder zersetzt von verstreuten Felsen. Während ich wie ein Hobbit durchs Auenland schlenderte, hörte ich noch das Läuten der auf den Hügeln grasenden Kühe. Ganz in der Ferne konnte ich sogar Pferde auf den Hängen ausmachen.

Die Unterkunft lag in der Mitte des Tals und wirkte dabei mit ihrem Holzzaun, dem kleinen wackeligen Eingangstor, welches man nach dem Überqueren des Baches erreichte, wie ein eigenes Dörflein. Es flatterten einige Hühner über den Hof, umgeben von glucksenden Gänsen, einer kleinen Herde Kühe und dem entspannten Hund Lizzy, der sich gleich neben mich auf die Bank zu einer Schmuseeinheit legen sollte. Meine Gastgeberin, ein kleines, schlaues Mädchen, welches die vierte Klasse besuchte, schilderte mir in ihrem exzellenten Englisch haargenau die Geschäftsbedingungen für eine Übernachtung. Sie bejahte meine Frage, ob sie sich auf den Schulstart Ende September freue, doch hier bei den Touristen lerne sich mehr Englisch als in der Schule. Nach und nach trafen auch die anderen Reisenden, die ich auf dem Weg traf, ein, darunter auch das deutsche Pärchen, mit dem ich die Wanderung begann. Hier oben ist es kalt, doch ich habe ja vier Decken.


4. Etappe: Von Doberdol nach Milisevski Krsevi

Auch vier Decken konnten nicht verhindern, dass ich eine ziemlich durchfröstelte Nacht, in der der Wind durch die Holzbalken säuselte, erlebte. Nach einem standardmäßig mit Feta, Brot und Tomaten ausgestatteten Frühstück, schnallte ich mir wie gewohnt meinen Rucksack um 8 Uhr um. Die erste Herausforderung war eine steile, ohne klar erkennbare Wege, Wiese. Rund 400 Höhenmeter später pries ich meinen transparenten Lebenselixier, das unschlagbar köstliche Wasser an.

Ab jetzt verlief die Route entlang eines Bergkamms, also weder unnötig steil nach oben oder nach unten. Auf die Empfehlung meiner Mitreisenden hin, entschied ich mich jedoch meinen Rucksack in den nächsten Busch zu werfen und ganz ohne Gepäck den 200 Höhenmeter entfernten Berg, auf dem sich die drei Länder Albanien, Kosovo und Montenegro die Hand schütteln, zu besteigen. Unterwegs grüßte mich ein älterer Herr, der im Schatten der Berge Blaubeeren sammelte. Am Gipfel angekommen, konnte ich die burgmauerartigen Berge des Valbona-Passes, sowie das montenegrinische Plav-Tal sehen.

Die nächsten Kilometer, jetzt wieder mit meinem schweren Rucksack auf den Schultern, sollten die schönsten des Tages sein. Ich spazierte durch von den Blaubeersträuchern surreal rötlich gefärbtes Terrain. Immer mal kamen mir Reiter entgegen, die sich bei mir nach Zigaretten erkundigten. An einem Bergbach lieh mir dann ein norwegisches Vater und Tochter-Gespann ihren Wasserfilter, um mir das ohnehin schon geringe Risiko einer Wasservergiftung zu ersparen.

Auf den Anstieg und der Passüberquerung folgte, wie es sich gehört der Abstieg. Auch hier verschwand der Pfad für einige hundert Meter und ich stapfte durch halbhohes, von Heuschrecken und Grashüpfern übervölkertes Gras: Jeder meiner Schritte bewirkte, dass am Boden ein knisterndes Feuerwerk zündete.

Mittlerweile hatte ich die Albanisch-Kosovarische Grenze übertreten. Das Auswärtige Amt warnt hier noch immer vor abseits der Wege vergrabenen Landminen. Das erste was ich, keine drei Kilometer hinter der Grenze also tat, war es mich zu verlaufen und in einem von dichtem Gehölz, Felsen und nassen Erdsenken dominierten Gebiet, welches sich hervorragend für Schlangen und Minen eignet, herumzuirren. Dank meines GPS-Trackers war es ein leichtes meinen Fauxpas zu erkennen, doch die Herausforderung bestand darin ihn zu korrigieren, denn mittlerweile befand ich mich 100 Meter oberhalb des Weges und musste querfeldein durch eigentlich unbegehbares Terrain. Teils auf allen Vieren, teils sogar noch mit meinem Hintern zur Hilfe, rutschte ich aus dem dichten Fichtendickicht ins Tal. Die Norweger, die gerade auf dem Weg entlangliefen, mussten mich für einen Waldschrat gehalten haben, als sie mich mit Nadeln geschmückt, aus dem Unterholz kommen sahen.

Die letzten Kilometer waren nicht mehr ganz so ansprechend, dafür ließen sie sich aber auch schneller zurücklegen: Einen Abtausch, den man als erschöpfter Wanderer gerne in Kauf nimmt. Ich gesellte mich noch zu einer Gruppe von Machomännern, in der mir der oberkörperfreie Boromir nicht abkaufen wollte, dass ich unverheiratet bin und kein Instagram habe, eine anscheinend irrsinnige Kombination. Von albanischer, mit autotune verzerrter Popmusik begleitet, zeigte er mir seine Kollektion halbnackter, vollbusiger Damen, denen er auf Instagram folgt und ich sah zu, dass ich meine Tasse Tee etwas schneller austrank. Das Gespräch nahm aber doch noch eine schöne Wendung und wir unterhielten uns, mit allen Gliedmaßen behelfend, über ihre Arbeit und die Gegend. „Albania, Kosovo, the same“ war die für Albanien wohl schönste, für Serbien wohl alarmierenste Botschaft, die die sonst so groben, kettenrauchenden Männer mir mit auf den Weg gaben.

Wenige Minuten später traf ich in Milisevski Krsevi ein und bezog ein erst drei Jahre altes Gasthaus, in das kurz darauf auch meine norwegischen Gefährten eintreffen sollten. Zusammen mit der Gastmutter und ihren Teenagerkindern, zwei Söhnen und zwei Töchtern aßen wir Bohnensuppe und leckere Antipasti. Morgen, es soll regnen, mache ich einen Tag Pause.

Wohinnoch? ist ein Reiseblog, in dem wir mit ausgiebig Zeit die weniger beachteten Orte dieser Welt besuchen.

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