Kraxeln, Kreuz küssen und Arme Ritter – Eine Reise durch Tigray Gheralta
Alles was wir nach unserer Extremreise durch die Danakil Depression benötigen ist ein Tag Ruhe. Diesen finden wir in Mekelle im gleichnamigen Hotel und bevorzugt in horizontaler Ausrichtung. Denn bereits einen Tag später wollen wir wieder aufbrechen und Tigray Gheralta erkunden. Leider kommen wir in Mekelle aber gar nicht so richtig zum Entspannen, denn wir müssen einiges organisieren. Wir treffen uns mit unserem Guide Gebre, ein sympatischer junger Mann, der uns gleich dabei hilft, eine Kamera-Werkstatt zu finden, da meine Olympus seit der extremen Hitze in Dallol seine Arbeit verweigert. Nachdem ein geschickter Techniker dieses Problem aus den Weg geräumt hat, geht es noch ins Yohannes IV Museum, wo ich zufällig zum tanzenden TikTok Star werde, mehr dazu hier.
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Tag 1 – Heilige Orte in Dauerschleife
Die Wäsche ist gewaschen, wir sind bereit für unsere dreitägige Tour mit Gebre. Im Morgendunst fahren wir aus dem Mekelle-Tal über die umliegenden Berge, auf denen junge Bauern mit ihrer Ernte, die sie auf ihr Esel gepackt haben, an den Oliven- und Akazienbäume vorbeiziehen. Unser erstes Ziel ist Wukra, ein kleine Siedlung. Hier gibt es nur eine große Hauptstraße und das was wir jetzt brauchen: Frühstück. Konkreter noch, es gibt Fata.

Bei dieser Speise bekommt wir zuerst ein einfaches, wenig beeindruckendes Fladenbrot serviert. Doch jetzt beginnt die Therapiestunde für notorisch Gestresste: Jeder darf sein Fladenbrot in kleine Fleddern zerkleinern. Das macht Spaß! Das Resultat freigelassener Agressionen nimmt die Kellnerin dann wieder mit und übergießt ihn mit einer würzigen Berbere-Tomatensauce. Nun stellt sie die rote Arme-Ritter-ähnlichen Speise wieder auf unseren Tisch. Das Ganze reicht sie mit Zwiebeln, Tomaten, Chili und Joghurt, die wir in das Gemisch kippen. Es ist so simpel, aber schmeckt unfassbar lecker!
Mit vollem Magen sind wir nun bereit für den Besuch des semi-monolithischen Klosters Wukro Chirkos. Dieses wurde vor über tausend Jahren aus einem großen Felsen geschlagen – jedoch nur zur Hälfte. Die hintere Hälfte liegt weiterhin unter dem Fels. Eine Schulklasse auf Exkursion erkundet das Gelände, ebenso wie ein Ehepaar, welches königlich gekleidet für Hochzeitsfotos posiert. Das Kloster ist sowas wie der touristische Appetizer: Es beherbergt eine Pergament-Bibel aus dem 17. Jahrhundert, Trommeln, Rasseln und reichlich Insignien. Alles, was wir später noch in älter und größer zu sehen bekommen. Weiter gehts.
Das nächste Besichtigungsziel ist die Al Nejash Moschee, einer der ältesten Afrikas. Dass sie ausgerechnet hier steht ist ungewöhnlich, schließlich leben in Tigray zu 96% orthodoxe Christen. Hintergrund ist, dass gegen 615 nach Christus erste Anhänger Muhammads von Mekka nach Abessinien flohen und Schutz beim König von Axum fanden. Er gewährte ihnen eine Niederlassung und den Bau der Moschee, die wir heute noch in strahlendem Weiß sehen. Vor Ort führt uns ein alter Imam mit rot gefärbten Ziegenbart über das Gelände. Dieser liebenswürdige Herr öffnet uns alle Türen und pflückt Flavy eine rote Rose im anliegenden Garten. So süß! Er erklärt uns, dass die Moschee im Bürgerkrieg schwer beschädigt wurde und kurz darauf mit Unterstützung der Türkei wieder aufgebaut wurde.
Wir fahren weiter nach Hawzen, unseren Übernachtungsort, halten uns hier aber nur für das Mittag auf. Denn kurz darauf geht es weiter zu der weltberühmten Felsenkirche Abune Yemata. Das Besondere ist ihre Lage: Die Kirche liegt auf einer Felsnadelspitze, die von unten schlicht unerreichbar scheint. Die Sandsteintürme sehen nämlich so aus, als hätte jemand mit einem Messer einen Serano-Schinken durchgeschnitten. Zu unserem Glück war es ein Brotmesser, denn die bröckeligen Felsen bieten einen Weg nach oben.
Wir laufen 20 Minuten und treffen unter einem großen Olivenbaum eine Gruppe von acht Helfern, die für uns unwürdige Kletterer bestimmt ist. Und ja, es braucht tatsächlich sechzehn Hände, um den steilen Aufstieg hoch zur Kirche zu bewältigen. Jetzt nämlich befindet sich vor uns eine steile Wand. Wir ziehen die Wanderschuhe aus und kraxeln barfuß mehrere Meter nach oben. Laut Gebre konnte er bis hierhin jeden Besucher überzeugen, den vermeintlich gefährlichen Aufstieg auf sich zu nehmen. Wenn mal jemand zögert, erzählt er ihm einfach von den göttlichen Wunderwerken dort oben…
Nach wenigen Minuten stehen wir vor dem Kircheneingang. Wenige Schritte neben uns liegt ein hundert Meter tiefer Abgrund. Wer kommt auf die Idee, hier eine Kirche zu bauen? Vielleicht liefern uns die alten Knochen, die hier unbegraben rumliegen (wo will man hier auch graben?) eine Antwort. „Unser Vater“ Yemata war einer von neun Heiligen, syrisch-byzantinische Mönche, die im 5. Jahrhundert nach Christus nach Äthiopien kamen. Es waren unsichere Zeiten und die Mönche sehnten sich nach einem sicheren, abgeschiedenen Ort, um in Askese und nah zu Gott ihrem Glauben nachzugehen. So entschieden sie sich also Kirchen dort zu errichten, wo sonst nur Adler ihre Nester haben.
Über einen winzigen Eingang betritt man diese in den Stein gehauene Glaubenskammer. Uns fallen sofort die bunten, wunderschönen Malereien – später hinzugekommen – auf. Dort sind auch die neun Heiligen abgebildet. Natürlich gibt es hier die ältesten Pergamentbibeln von allen, in der altertümlichen Sprache Ge’ez geschrieben. Ein Blick nach draußen ist auch nicht übel. Von hier aus hat man einen Ausblick auf die weite Landschaft des Gheralta-Gebirges. Hier mal Homeoffice machen! Auf dem Rückweg treffen wir ein paar Gibbons und Klippschliefer, die wie Murmeltiere aussehen, genetisch aber Elefanten am nächsten stehen. Andere Reisende haben wir keine getroffen.
Tag 2 – Mariam und Daniel Korkor
Am nächsten Morgen führt uns Gebre erneut ins Gebirge, wo noch weiter Kirchen liegen. Mariam und Daniel Korkos. Korkor heißt soviel wie “in den Fels gehauen”. Die Erfahrung ist ähnlich umwerfend, diesmal liegt der Fokus aber stärker auf der Wanderung. Laut unseren Guides ist sogar schon Will Smith hier entlang gewandert und fand es “pretty awesome”. George Bush hat sich hingegen mit einem Helikopter oben absetzen lassen – so ein Faulpelz. Pretty awesome ist jedenfalls, dass man oben freundlich von Mönchen in weißen Kutten empfangen und rumgeführt wird.
Nach der Wanderung, es ist Mittag, fahren wir ca. drei Stunden nach Axum. Auf dem Weg besorgt uns Gebre „Siwa“, ein lokales, trübes Gerstenbier. Während die Berge langsam hinter uns liegen, kommen wir an einem historischen Ort vorbei: Adua. Hier gewonnen die Äthiopier im ersten Italienisch-Äthiopischen Krieg die entscheidene Schlacht und zwangen die Italiener zum Rückzug. Bis heute fungiert die Schlacht als Quelle für den Nationalstolz. Da das Schlachtfeld eben ein Feld ist, als ein Acker, gibt es hier nicht sonderlich viel zu sehen. Wenig später checken wir in Axum ein.
Tag 3 – St. Maria von Zion
Den letzten halben Tag verbringen wir in Axum, bevor unser Flieger gegen frühen Nachmittag zurück nach Addis geht. Axum ist die ehemalige Hauptstadt Abessiniens, deren Bedeutung und Größe sich jedoch nicht auf die Moderne übertragen hat. Sie wirkt eher wie eine ruhige Kleinstadt, in der man in Seelenruhe studieren kann. Doch bis heute ist Axum das religiöse Zentrum Äthiopiens.
Als erstes besichtigen wir den Obelisken-Friedhof. Hier liegen die Könige von damals begraben. Über ihnen ragen riesige Obelisken in den Himmel, manche sind so riesig, dass niemand weiß, wie sie damals errichtet wurden. Manch andere wurden durch Erdbeben wieder auf den Boden der Tatsachen beordert. Gebre hat uns einen lokalen Guide zur Seite gestellt, der so begeistert von diesem Ort ist, dass ich an seinen Geschichten etwas zu zweifeln beginne. Zum Beispiel erzählt er uns, dass die Menschen damals schon einen Kompass besaßen, also genau wie wir heute GPS! Auch besichtigten wir die alten Katakomben, in denen ein steinernder Sarg liegt, in dessem Inneren laut Analysen Knochen sein sollen. Doch niemand weiß, wie diese hineingeraten sind, schließlich gibt es keine Spur eines Risses. Ob man das mal untersucht hat? „Ne, dafür reichen die Fördergelder nicht.“ Ich habe das Gefühl, dass unser Guide darüber ganz glücklich ist.
Als letztes besuchen wir die Kirche St. Maria von Zion. Das ist ein riesiges Gelände mit einer neuen, großen Kirche mit buntem Fensterglas und Gemälden. Zur Begrüßung dürfen wir das Holzkreuz des Priesters küssen und werden dann hineingeführt. Mir gefallen die knalligen Farben sehr gut, da sie in Kombination mit den Graphic Novel artigen Zeichnungen die Kirche erhellen.
Neben der großen Kirche steht im Gegensatz dazu eine Kapelle, die mit Überwachungskameras und Zäunen gesichert. Hier soll die berühmt-berüchtigte Bundeslade liegen, die auch schon westliche Ikonen wie Indiana Jones suchten. Die Bundeslade ist für das äthiopische Nationalverständnis von höchster Bedeutung. Nur ist gar nicht sicher, ob sie überhaupt dort in der Kapelle liegt. 1941 ignorierte Professor Ullendorf (ein fieser Geselle) die wachenden Mönche einfach und ging ins Innere. Was er vorfand, war eine Kopie der Bundeslade. Seitdem haben Ausländer zum Glück etwas mehr Respekt vor der Kultur Äthiopiens entwickelt und die Anwesenheit des Dokuments wurde nie mehr überprüft. Ich bleibe skeptisch: Wer so ein Geheimnis um etwas macht, auf dem die eigene Identität beruht, der fürchtet sich vielleicht nur davor, dass die Wahrheit ans Licht gerät. Aber es geht auch nicht um Wissen, sondern um Glauben und der ist hier seit Jahrhunderten tief verankert.
Bye Bye, Tigray
Nach einem kurzen Besuch des Palastes der Königin von Saba, war es Zeit zum Flughafen zu fahren und von Tigray Abschied zu nehmen. Wir drücken Gebre ein letztes Mal und sind wirklich traurig, da wir ihn in wenigen Tagen schon zum Freund gewonnen haben. Insgesamt hat mir die Region wirklich gut gefallen. Die Verbindung von bergiger Landschaft, in die die alten Gebäude gehauen wurden, ist sicherlich nicht einmalig (siehe Höhlenklöster in Georgien). Doch wo werden diese Orte schon noch so aktiv genutzt wie hier? Das macht Tigray wirklich besonders. Ich habe das Gefühl, dabei nur an der Oberfläche gekratzt zu haben. Die nächste Gelegenheit, um etwas tiefer zu graben, kommt bestimmt.

Wer schreibt hier?
Ich bin André, lebe seit 2022 in Kamerun und bin dein Anlaufpunkt für Reisen in Kamerun. Auf Wohinnoch? erkunde ich mit euch die Welt, schreibe Erfahrungen nieder und gebe euch Reisetipps. Wenn diese Worte nicht meine letzten an dich sein sollen, kannst du meinen Blog abonnieren und mir auf Instagram folgen.















































2 Comments
Katrin Kroschk
Sich über die Sicherheitslage einen Kopf machen und dann senkrechte Felswände hochklettern… 😉
Und mal wieder bin ich froh, dass ich erst hinerher davon erfahre
Mam.
Andre
Verglichen mit Großstädten gab es an der Felswand ein geringeres Risiko überfallen zu werden 😃