Wie man die Internetprobleme eines Höhlenmönchs löst
Im heutigen Blog-Eintrag setzen wir unsere Georgien-Reise fort und fahren von der Hauptstadt Tbilisi zu den Höhlenklöstern in Wardsia, in denen bereits Königin Tamar lebte. Wenig später machen wir eine überraschende Begegnung mit einem alten Mönch, der mit Tamar zusammen die Grundschule besucht haben dürfte. Unseren Aufenthalt in in der Region Samtskhe-Javakheti beenden wir dann schließlich am Nationalfeiertag beim Volksfest in der Regionshauptstadt Akhaltsikhe...
Übersicht:
- Tag 1: Nebelige Anfahrt mit dem Mietwagen
- Tag 2 – Höhlenkloster Wardsia und Ungeahnte Begegnung
- Tag 3: Achalziche – Volksfest am Unabhängigkeitstag
- Fazit: Wardsia und Co. – Lohnt es sich?
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Tag 1 – Nebelige Anfahrt im Mietwagen
Unsere Fahrt mit dem Mietauto hinaus aus Tbilisi führt über einen Topfrand, an dessen Spitze sich ein dicker, wie von gebratenem Gemüse entstandener Dunst sammelt. Die Rede ist von einer Hügelkette mit dichten Nebenschwaden. Diese verhüllen die Straße in einen solch weißen, tropfenden Mantel, dass wir kaum fünf Meter weit sehen können. Ungünstig, wenn auf der Straße Schlaglöcher in der Größe von Steinblöcken liegen und wenn diese fehlenden Steinblöcke dann anderswo auf der Straße campieren. Doch statische Hindernisse sind nicht die einzige Herausforderung: Immer wieder trotten Schafe, Kuherden und Reiter über den Asphalt. Es sind einfach zu viele Hindernisse, um immer adäquat auszuweichen.


Als wir den Nebel endlich hinter uns lassen, sind wir bereits in unserer Zielregion: Samtskhe-Javakheti. Immer parallel zur neuen Eisenbahnstrecke, die die Türkei und Aserbaidschan verbindet, fahrend, kommen wir an grünen und doch kargen Landschaften vorbei. Weite, sich nur langsam wellende Windows-Wiesen breiten sich wie eine Achtziger-Jahre Frisur vor uns aus. Die wenigen Häuser an denen wir vorbeifahren, wirken verfallen. Den hier vor den Gemüseläden plaudernden Menschen würde man das gleiche Attribut zuschreiben, nur etwas netter ausgedrückt. Viele ihrer früheren Gesprächspartner liegen bereits unter der Erde. Ihre Grabsteine zieren riesige Portraits, vielleicht damit der Ort so voller aussieht. Außerdem bläst dicke Wind und Köter jagen uns hinterher. Kurz: Wir fahren weiter.

Gerade als wir den größten See Georgiens tangieren, verfolgt uns auf einmal die Dorfpolizei mit Blaulicht. Haben wir im Nebel doch irgendein Tier umgefahren? Den Hund des Polizisten? Einen Grabstein? Zum Glück nicht, wir werden nett gegrüßt, die beiden Offiziere machen sich über unsere alten Fotos auf unseren Führerscheinen lustig und lassen uns schließlich ziehen.

Mit dem Durchqueren von Achalkalaki ändern sich die Landschaft schlagartig. Die mondartigen Ebenen werden abgelöst von borstigen Schluchten, mit schmalen Tälern und kurvenreichen Landstraßen. Im Mai sind die Hänge dabei schönerweise von sattem Grün überzogen. Von den Bergkuppen blicken nicht selten zerfallene Burgen und alte Klöster auf uns herab. Als wir unserer Unterkunft immer näherkommen, bestätigt sich meine Hoffnung, dass wir mitten in dieser sagenhaften Landschaft übernachten werden.

Unsere Unterkunft wird von Tatjana geleitet, die hier mit ihrem Mann Shako, ihrem Sohn, ihrer Großmutter, 14 Kühen und Hühnern auf einem ländlichen Gut lebt. Seit sieben Jahren betreiben sie ihren adretten Hof, der auf einer Anhöhe über einem Dorf mit kalt vorbeibrausenden Fluss liegt, touristisch. Liebevoll kocht uns Tatjana morgens und abends georgisches Essen aus ihrem Kräutergarten. Die Milch kommt direkt vom Euter, die Maulbeermarmelade vom Baum. Abends ist das Mahl so reichlich mit Chinkali, Auberginen-Salaten, Broten, Käse und Hauswein bedeckt, dass sich der Tisch biegt. Unterhalten werden wir dabei von der Großmutter, die jeden Abend um acht ihre türkische Soap-Opera schaut und eifrig kommentiert. Wenig später hüpfen wir in die Koje. Auf dem Land wird es nachts auch im Mai noch kalt, genügend Decken und warmes Wasser sind aber vorhanden. Zwei Nächte werden wir hier verbringen und einiges erkunden.
Tag 2 – Höhlenkloster Wardsia und Ungeahnte Begegnung
Neuer Tag, neue Pläne. Heute steht das Höhlenkloster Wardsia auf unserem Programm. Das ist ein in eine Felswand eingehauenes Höhlensystem, in dem schon vor vielen Jahrhunderten Mönche lebten. Von Weitem sieht es aus wie eine riesige Honigwabe. In Wahrheit aber war diese Anlage einst eine kleine Siedlung mit Wohnräumen, einer Schmiede, Weinkellern, Stallungen und stets einem atemberaubendem Blick auf das mit Mohnblumen beschmückte Tal. Die georgische Nationalheldin und Königin Tamar bezog hier sogar mit 365 Zimmern und eigenem Notausgangsystem die Luxussweet. Die Räume sind dabei oft über in den Stein gehauene dunkle Schächte verbunden.
Der Höhepunkt dieses Höhlensystems ist eine kleine, düstere Kirche, über die Umberto Eco einen ausgezeichneten Schauerroman hätte schreiben können. Auf dreißig Seiten hätte er dann in aller Detailtreue das Gemälde von Tamar und David(?) beschrieben. Damit will ich euch hier verschonen. Stattdessen sei gesagt: Das Wardsia-Kloster ist eine atemberaubende Sehenwürdigkeit, an der man Stunden verbringen kann.
Begegnung mit einem Mönch im Höhlenkloster
Nach drei Stunden in Wardsia fahren wir auf gut Glück noch etwas weiter südlich entlang der anmutenden Landstraße. Denn Höhlenklöster gibt es nicht nur in Wardsia, sondern überall in der Gegend. Oft sind es kleinere Konstruktionen ohne Eingangsschleuse und Shuttlebus bis zum Eingang, dafür aber mit verlassenem Charme. Eine solche entdecken wir in der Nähe einer vibrierenden Hängebrücke.

Hier, im Niemandsland, orientieren wir uns an den Kotspuren von Ziegen und erreichen schließlich ein in den Berg gehauenes, verlassenes Gemäuer. Jedenfalls scheint es verlassen. Vorsichtig betaste ich das rostige Eingangstor, welches sich mit leichtem Knarzen öffnet. Im Hortum des Klosters angekommen springt mir eine schwarze Katze entgegen. Ein paar Meter weiter sehe ich zu meiner rechten eine offene Tür und dahinter einen in ein schwarzes Gewand gekleideten Mönch.

Ich überlege kurz, ob ich mich aus Panik aus dem Staub mache, entscheide mich dann jedoch ihn zu grüßen und zu fragen, ob ich gerade in seine Privatsphäre eingebrochen bin. Er verneint und heißt mich auf Georgisch, Russisch und gebrochenem Englisch willkommen. Es ist Vater Johann, dem ich die Hand reichen möchte, er mir aber mit einem schmalen Lächeln die Stirn streicht. Pietät kann ich nicht. Wir plaudern ein wenig über unsere Herkunft und was wir im Leben machen. Er lebt hier in dem Kloster, seine Familie in Tbilisi. Er war bereits, ich denke geschäftlich – in Hamburg, Stockholm, Moskau und vielen weiteren Städten. Hier in dem Kloster kommt er seinem Glauben nach, trümmert neue Höhlenabschnitte in den Stein und guckt YouTube. Und hier liegt auch schon der tiefe Sinn unserer Begegnung…sein W-Lan Router funktioniert nicht.

Wahrscheinlich kommen nicht allzu oft junge Menschen vorbei, und dann stehe ausgerechnet ich da, Kind zweier Programmierer. Auf mir lastet gehörig Druck! Wenn ich sein Problem nicht löse, sperrt er mich in irgendeine Kerkerzelle, wo ich dann auf dem Felsttein Programmiercodes ritzen muss, bis ich die Lösung gefunden hab. Na, dann wollen wir mal. Ich betrete geduckt sein kleine Kemenate und setzte mich auf einen Hocker. Schnell holt er seinen Laptop aus der Tasche und ich begebe mich auf Problemsuche. Ich schalte seinen Router ein und wieder aus und schon ploppt YouTube in all seiner farbigen Pracht vor uns auf. Als letztes scanne ich fix anhand der Empfehlungen seines Algorithmus, was der Herr so glotzt, wenn er hier ganz alleine Jesus anbetet. Dann ist es vollbracht.
Das Internet, es geht wieder! Und das Eis zwischen uns ist gebrochen. Nun lädt er mich in seine finsterere, nur über Leitern erreichbare Höhlenkirche ein und zeigt mir seine neueste in den Stein gemeißelte Arbeit. Mit einem tiefen Brummen gibt er mir zu verstehen, dass er das hier alles selber mit einem Borher in den Stein geklöppelt hat. Wahnsinn! Ich bin zutiefst mit Adrenalin durchströmt und kann mein Glück nicht fassen, so eine unerwartete, schöne Bekanntschaft gemacht zu haben. Zum Abschied reicht mir Vater Johann seine Hand, zieht sie dann aber im letzten Moment zurück und klatscht mir mit einem vergnügten Lächeln auf mein kahle Stirn. Ein Schuft!

Khvertesi Burg – Nicht mehr und nicht weniger
Wir setzen uns wieder ins Auto und schlittern wieder wie in einem Carrera-Modellfahrzeug über die Straße. Unser letztes Ziel für den heutigen Tag ist die Khvertesi Burg. Sie liegt direkt an der Kreuzung in Richtung Wardsia und beeindruckt schon aus der Ferne mit ihren sandsteingelben Bausteinen. Interessant hierbei ist, dass sie nicht wie üblich auf dem höchsten Punkt gebaut wurde, sondern auf einer Ebene mit der Asphaltstraße liegt. Ein Indiz dafür, dass die mittelalterlichen Wege wohl eher im Tal entlangliefen und nur unsere heutige Technologie es uns erlaubt uns der Burg auf gleicher Höhe zu nähern.

Um in die Burg zu gelangen, parken wir auf einem großen Asphaltplatz direkt in dem angrenzenden Dorf. Von hier aus laufen wir fünf Minuten hoch zur Burg. Leider gibt es hier nur ein einziges Hinweisschild und man muss sich und seiner Kreativität schon sehr viel abverlangen, um sich ein früheres Hofleben vorstellen zu können. Trotz einiger schöner Ausblicke, kann man sich die Burg sparen.
Tag 3: Achalziche – Volksfest am Unabhängigkeitstag
Unser dritter Reisetag führt uns in die Regionshauptstadt Achalziche. Sie befindet sich in Reiseführern selten im Standardprogramm, das aber wie ich finde ganz zu unrecht. Über die Stadt, deren Namen ich mir bis heute nicht merken kann, thront eine Festung aus dem 12. Jahrhundert. Heute, zum Unabhängigkeitstag, treffen wir auf ein belebtes Volksfest innerhalb der rennovierten Burgmauern. Wir kaufen uns zunächst ein wässriges Softeis und schlendern dann schlürfend übers Festgelände.

Wir nehmen das Fest zuerst von einem Aussichtsturm unter die Lupe, wo junge Georgierinnen in schönen traditionellen Gewändern Fotos machen. Da ich meine Kamera immer in der Hand trage (was das Softeis-Essen erschwert), erwecke ich anscheind den Eindruck, gute Bilder schießen zu können und werde mit der Bitte um ein Foto angesprochen. Ich frage, ob sie die traditionellen Textilien extra zum Feiertag tragen, doch es stellt sich heraus, dass die Tücher aus dem Sudan kommen. Dort war die Wortführerin zuletzt dienstlich als Flugbegleiterin.
Wir steigen wieder hinunter zum sich füllenden Burghof. Eine georgische „Von wegen Lisbeth“ Version spielt auf einer Bühne ein paar weiche Lieder, während das Militär ihre neuesten Waffen und Ausrüstungen zur Schau stellt. Zeit für noch ein Softeis. Am Stand kommen wir zufällig mit einem offensichtlich betrunkenen Georgier ins Gespräch. Als wir ihm zum Unabhängigkeitstag gratulieren, holt er zu einer patriotischen Botschaft aus: „Egal mit wem wir reden, handeln oder kooperieren: Wir bleiben immer stolze Georgier und lassen uns von niemandem unser Nationalgefühl nehmen, nicht von Russland oder Europa.“ Das Eis ist schon vertilgt, da beendet unser Freund schließlich seinen Monolog. Weil wir noch am Stand stehen, holen wir uns direkt noch drittes Eis und gehen weiter.

Jetzt ist es Zeit, die ganzen religiösen Gebäude zu erkunden: Die Kirche, die Moschee und die Synagoge, die hier alle in nächster Nähe stehen, deuten auf die multikulturelle Geschichte Achalziches hin. Die Stadt war schon immer ein Knotenpunkt für Karawanen aus dem Byzantium und später dem Osmanischen Reich und damit Anlaufstelle für Georgier, Armenier, Griechen, Russen, Türken und Hebräern. Nach einem Spaziergang durch den Garten, beenden wir den Ausflug auf dem mächtigen Turm des Bergfrieds, auf dem mir mein letztes Softeis wegfliegt. Drei Tage waren wir in Samtskhe-Javakheti, nun geht es weiter nach Gori.
Fazit: Wardsia und Co. – Lohnt es sich?
Lohnt sich ein Ausflug in die stets letztgenannte Region Samtskhe Javakheti? Auf jeden Fall! Sie war sogar meine Lieblingsregion, mit ihren Hügeln und Tälern, einer ruhigen, ländlichen Atmosphäre, reiner Luft, gutem Essen und interessanten Sehenswürdigkeiten. Viel lag sicherlich auch an der mehr als sättigenden Bewirtung unserer Gastgeberin Tatjana. Und das ist vielleicht auch genau der Punkt: Während in Tiflis und anderen gut besuchten Landesteilen eine Unterkunft bereits längst der routinierten Einkommenaufstockung dient, lernten wir hier die Gastgeber noch persönlich kennen und hatten somit das seltene Gefühl, nicht nur die fabelhaften Landschaften Georgiens, sondern auch seine fabelhaften Leuten kennengelernt zu haben.

Wer schreibt hier?
Ich bin André, lebe beruflich in Kamerun und liebe alle Arten von Abenteuerreisen. Auf Wohinnoch? erkunde ich mit euch die Welt, schreibe Erfahrungen nieder und gebe euch Reisetipps. Wenn diese Worte nicht meine letzten an dich sein sollen, kannst du meinen Blog abonnieren und mir auf Instagram folgen.


























