Tbilisi – Ein Fotospaziergang & Reisebericht vom Balkon Europas
In dem heutigen Blogeintrag dreht sich alles um Georgiens Hauptstadt Tbilisi. Auf diesem Fotospaziergang erzähle ich euch von meinen persönlichen Reiseerfahrungen im Mai 2024 und gebe euch hilfreiche Tipps und Ratschläge, falls ihr selbst einmal nach Tbilisi reisen möchtet. Hinweis: Der Spaziergang lässt sich nicht an einem einzigen Tag bewältigen, sondern ist eine Zusammenstellung von Erlebnissen mehrerer Tage.
Übersicht:

Start am Park des 9. April
Der Park des 9. April ist ein guter Startpunkt für einen Spaziergang durch das historische Zentrum von Tbilisi, der Hauptstadt Georgiens. An einem warmen Maimorgen sitzen bereits einige plaudernde Grüppchen auf den Holzbänken des grünen Stadtparks. Der Name des Parks, der an die Opfer der Unabhängigkeitsbewegung von 1989 erinnert, die angrenzende Rustaveli-Allee, benannt nach dem Nationaldichter Georgiens, das Parlament, an dem heute wieder junge Menschen protestieren werden und natürlich auch die benachbarte orthodoxe Kirche: Sie alle haben uns viel über die Geschichte Georgiens zu erzählen. Mein Freund Jonas und ich starten von hier unsere Erkundungstour durch Tbilisi.

Unser erstes Ziel ist der 2017 errichtete und seither bei Touristen sehr beliebte Uhrenturm. Um dorthin zu gelangen, laufen wir vom Park durch ein modernes Viertel rund um den Orbeliani-Platz das sich mit neuen Bars, einem französischen Hypermarkt und vielen dicken, dösenden Straßenhunden auszeichnet. Von hier aus müssen wir die große Verkehrsstraße Baratshvili überqueren, was beinahe tödlich endet. Wir wissen nämlich noch nicht, dass das georgische Verhältnis von Autofahrern und Zebrastreifen derart gestört ist, dass man lieber jede Kreuzung mit Fußgängertunneln untergraben hat.

Der Uhrenturm & Friedensbrücke
Einmal durch den mit Graffiti besprühten Tunnel hindurchgegangen, befinden wir uns am Uhrenturm, der ästhetisch irgendwo zwischen Alice im Wunderland und schief gestapelten Pappkartons pendelt. Zwei Mal täglich, wenn die größte und kleinste Uhr Tbilisis 12 oder 19 Uhr schlagen, eiert ein Puppentheater aus den Kartons und erfreut die fanatischen Zuschauer, zu denen wir auch gehören. Ich empfehle an dieser Stelle einmal auszubrechen, und zwar nicht oral, sondern im Sinne der Routenführung: Abseits der mit drolligen Katzengemälden geschmückten Souvenirstraße, bieten die vielen engen Seitengassen nicht nur Schatten, sondern auch einen Blick auf das wahre Alter der hiesigen Bausubstanz.
Fotopunkt 1: Marionettentheater um 12 Uhr
Der reguläre Weg führt stattdessen entlang der sehenswerten Anchiskhati Basilika und dem Patriachat der orthodoxen Kirche. Sobald uns von freundlichen jungen Menschen die erste Bootstour auf dem Kura Fluss angeboten wird, wissen wir, dass die Friedensbrücke nicht mehr allzu weit ist. Nach dem dritten Angebot stehen wir dann schließlich an der ebenso neuen Brücke, einer architektonisch anspruchsvollen und nur für Fußgänger zugänglichen Glaskonstruktion.

Wir haben die Friedensbrücke in zwei Versionen kennengelernt: Tagsüber als hochfrequentierten Fotoplatz, an dem Pfauen zur Schau gestellt werden und lebendige Äffchen in stillose T-Shirts gezwängt sind. Die zweite Version ist deutlich ansprechender: Abends, bei mildem Sommerwind, wenn sich unter dem Lichtspektakel der Dachkonstruktion Paare zu den süßen Balladen eines Gitarristen in den Armen liegen.


Rike Park und Architektur – Tbilisi voller Kontraste
Nachdem wir die Brücke überquert haben, befinden wir uns im Rike Park, einem etwas zu eifrig betonierten Landschaftspark. Von oben schaut der georgische Zeremonienpalast – eine schnuckelige Imitation des Reichtags – auf eine leerstehende gläserne Konzerthalle herab. Was uns in Tbilisi auf diesen ersten Metern sofort beeindruckt ist Dichte an Neu und Alt, Leer und Boll, Glas- und Asbestbauten. Nicht selten bewundert man die reichlich verzierten Holzbalkons, und steht nach nur einem weiteren Schritt vor einem mächtigen Plattenbau. Als Kind der Hellersdorfer Platte, die jedoch weit ab von den Sehenswürdigkeiten Berlins liegt, fasziniert mich diese geografische Nähe in Tbilisi sehr.

Narikala-Festung und Botanischer Garten
Und noch eine Parallele zu Hellersdorf: Im Rike-Park gibt es sogar eine Seilbahn! Sie führt hoch zur Narikala-Festung auf dem Sololaki-Gebirgskamm. Oben angekommen ist der Ausblick auf die Stadt beeindruckend. Erst hier merken wir, dass die Stadt in einem riesigen Talkessel liegt, umgeben von einer umfassenden Hügelkette. Leider ist die Festung aufgrund von Bauarbeiten geschlossen. Ein paar Meter weiter schauen wir uns dafür die Mutter Georgiens an, eine 20 Meter hohe Aluminium-Amazone, die mit Wein in der linken Hand für den Freund und einem Schwert in der rechten für den Feind majestätisch ins Tal blickt. Sie datiert aus der Sowjetzeit, wurde jedoch anders als andere Bauten nicht entfernt, sondern 1994 noch einmal erneuert. Leider ist sie vom Tal besser zu sehen, als in direkter Nähe. Von hier kriegen wir allerdings maximal ihr Hinterteil auf die Kameralinse.


Den Rückweg beschreiten wir durch den weitläufigen botanischen Garten, der sich von den Hängen bis ins Tal erstreckt. Vor allem an nicht allzu heißen Sommertagen kann man hier fantastisch durch Zypressenalleen, Orangerien und alles andere, was blüht, spazieren. Nicht weit entfernt, mitten zwischen den bewaldeten Hügeln, befindet sich auch die private Residenz von Bidsina Iwanischwili, einem georgischen Oligarchen und ehemaligen Premierminister Georgiens. Iwanischwili wurde zur Umbruchzeit der 90er reich und ist mittlerweile die wohl einflussreichste Persönlichkeit des Landes. Warum werden wir später noch erfahren.


Die Schwefelbäder und der Meidan-Basar
Kaum haben wir die Gärten hinter uns gelassen, stehen wir vor den Bädern, das sind ulkig aus dem Boden ragende rote Ziegelkuppen mit Rauchabzügen. Das von außen wohl Beeindruckendste ist das einer Moschee nachempfundene Orbeliani Bad. Noch so ein wiederkehrender Name: Die Orbeliani waren ein georgisches Adelsgeschlecht mit großem Einfluss auf Politik, Kultur und Wissenschaft. Ob sie gerne gebadet haben, ist allerdings nicht schriftlich überliefert. Dafür war es der Legende nach der iberische König Gorgasali, den die heilende Wirkung der Schwefelbäder so imponierte, dass er direkt seine Hauptstadt hierher verlegte. Einem solchen Herrscher würde ich mich als Badefreund sofort unterwerfen. Ob die georgischen Muslime – immer 13 % der Bevölkerung – jedoch so fein damit sind, dass sich in einer Scheinmoschee alte bärtige Mönche gegenseitig die Rücken schrubben? Wir jedenfalls bevorzugen es unseren Weg draußen forzusetzen.


Wir laufen die Straße hinunter und erreichen den Meidan-Basar, einen großen Platz mit einem alten, unterirdischen Markt. Neben einem Polizeitrupp machen wir eine kurze Trinkpause, als wir plötzlich ein lautes Poltern hören. Wir drehen uns um und sehen einen Bagger mit sechzig Sachen auf uns zurasen, den Hügel hinunter. Kurz vor uns bleibt jedoch die tiefliegende Schaufel an einem Gulli hängen, der Bagger verliert das Gleichgewicht, die Zähne der Schaufel graben sich tief in den Asphalt, und der Bagger kommt unter Gequietsche zum Stehen. Gleichgültig stoppt der rauchende Fahrer den Motor und steigt aus. Die Polizisten sehen sich etwas bedröppelt an, schließlich nähern sich drei von ihnen der Unfallstelle und schauen ratlos in die tiefen Narben auf der Straße. Ein Wort wechselt bei diesem Spektakel jedoch keiner der Beteiligten.


Zeit aufzubrechen. Vorbei am Reiterstandbild von Gorgasali und der Metekhi Kirche, einem beliebten Ort für Hochzeiten, führt uns der Weg südöstlich durch ein schnuckeliges Altstadtviertel mit Bäckern und Gemüsemärkten. Schließlich erreichen wir gegen Nachmittag die Sameba-Kathedrale.


Sameba-Kathedrale – Die Orthodoxe Kirche
Wenn ich ein architektonisches Highlight bestimmen müsste, dann wäre es diese 2004 fertiggestellte orthodoxe Glaubensstätte. Wie eine zu groß gesetzte Überschrift ragt dieser sandsteinfarbene Sakralbau aus der Skyline Tbilisis heraus. Finanziert wurde sie von dem Unternehmer mit der Villa in den Bergen. Sie steht sinnbildlich für die starke Verbindung von orthodoxem Glauben und georgischem Nationalverständnis. Auch wenn über 80 % der Georgier orthodox sind und ihren Glauben oft sehr leidenschaftlich ausüben, gibt es wie oben erwähnt jedoch auch noch viele Muslime und andere Religionen in Georgien.
Fotopunkt 2: Sameba Kathadrale
Es ist ein schöner, weitläufiger Ort zum Verweilen, mit ein paar Gärten, einem armenischen Friedhof und einer kleineren rosafarbigen Kapelle. Innen ist die Kirche jedoch recht schlicht und spärlich gestaltet- ohne Bänke, Statuen oder Reliefs. Während dies ein allgemeines Merkmal orthodoxer Kirchen zu sein scheint, lesen wir auch, dass viele Kirchen während der Sowjetzeit oft zweckentfremdet wurden, zum Beispiel für Jugendweihen, und damit ihrer Devotionalien beraubt wurden.


Demonstrationen am Parlament – Mein Eindruck
Zum Sonnenuntergang möchten wir noch einmal ans andere Ende der Stadt – zum Freizeitpark auf dem Mtatsminda Berg. Dabei laufen wir noch einmal entlang der Rustaveli-Alle, der großen Mode- und Einkaufsstraße. Kurz bleiben wir am Parlament stehen, an dem große EU-Fahnen hängen. Davor stehen vielleicht hundert, meist junge Menschen, eingehüllt in georgische und europäische Flaggen und spielen Volleyball. Sie protestieren friedlich gegen ein kürzlich beschlossenes Gesetz, welches es dem georgischen Staat ermöglichen soll, NGOs- und Medienhäuser mit ausländischer Finanzierung von über 20% in ein öffentliches Register einzutragen.


In dieser Debatte steht, wie so oft in Georgien, Herr Iwanischwili mit seiner Partei Georgischer Traum im Mittelpunkt. Am 29. April beschuldigte er den Westen der übermäßigen Einflussnahme. Die Proteste, die wir heute sehen, sind bei weitem nicht so groß, wie oft behauptet wird. Jedoch könnten am Unabhängigkeitstag wieder größere Demonstrationen stattfinden. Nicht von der Hand zu weisen ist die mehrheitliche Zuneigung der Georgier gegenüber Europa. Dies zeigt sich an den EU- und Ukraine-Flaggen im ganzen Land, sei es an Laternen, Balkonen, Graffiti oder an Menschen, die sich in Flaggen gehüllt haben. Die russische Seite bekommt dabei ständig ihr Fett weg.

Um zum Freizeitpark zu gelangen, nutzen wir die Zahnradbahn. Angekommen auf dem Berg, genießen wir eine wunderbare Aussicht auf die facettenreiche Stadt, mit der nun beleuchteten und dadurch noch eindrucksvoller in Erscheinung tretenden Sameba-Kathedrale. Wir investieren etwas Geld in die Glücksspielautomaten und beenden unseren Tag schließlich mit einem rosaroten Sonnenuntergang vom Riesenrad aus.
Georgischer Fußball – Abendaktivität
Für den Abend haben wir uns eine besondere Aktivität überlegt: Ein Ligaspiel zwischen Dinamo Tbilisi und ihrem Konkurrenten Dinamo Batumi in der Boris-Paichadze-Fußballarena mit 50.000 Plätzen. Die georgische Liga bietet nicht das allerhöchste Spielniveau, daher ist das Stadion nur zu 10% ausgelastet. Die Stimmung ähnelt der eines Freiluftkinos: Familien und Paare setzen sich mit Popcorn und Bier auf die blau-weißen Plastiksitze und verfolgen die erste Halbzeit eher nebenbei. Lediglich beim 1:0 Führungstreffer für Tbilisi schallt ein Jubelschrei durch das weite Stadion. Ab diesem Zeitpunkt macht die Nachwuchsmannschaft von Tbilisi, eine Gruppe lauter zehnjähriger Kinder, ordentlich Stimmung und lässt dabei die beiden Ultra-Gruppen, jeweils bestehend aus 30 in Schwarz gekleideten Männern in abgesperrten Blöcken, alt aussehen.
Fotopunkt 3: Fußballstadion
In der zweiten Halbzeit geht es dann hoch her. Trotz gezündetem Bengalo im Ultra-Block gibt Tbilisi seinen Vorsprung her und verliert mit 2:1. Auch die wild gestikulierenden und randalierenden Zehnjährigen, die bereits einen Stuhl aus seiner Halterung gerissen haben, können daran nichts ändern. Etwas enttäuscht schlurfen die Fans aus dem Stadion, und auch wir machen uns nach diesem langen Tag auf den Heimweg.


Georgische Küche – Übersicht für Vegetarier
Auf unserem Weg durch die Stadt machten wir immer wieder Halt, um uns in eines der vielen georgischen Restaurants zu setzen. Bis auf eine Touristenfalle waren die Mahlzeiten dabei stets köstlich! Meine Lieblingsspeisen waren eine Art Maultaschen – Khinkali – wahlweise gefüllt mit Fleisch, Käse, Kartoffeln oder Pilzen. Mein zweiter Favorit war das vegetarische Ojakhuri, eine Kartoffel-Gemüse-Pfanne. Auch Lobiani – Brot gefüllt mit Bohnenmus – ist ein Muss. Als Käseliebhaber habe ich mir auch einige Sorten Sulguni und andere Sorten gegönnt. Das Khachapuri, eine Art Teig mit Ei und Käse in der Mitte, lag mir dagegen etwas zu schwer im Magen. Weltweit bekannt ist natürlich auch der georgische Wein, der vor allem auf dem Land oft in 3-Liter-Flaschen verkauft wird.


Weitere Streetphotography
Fazit
Ich habe Tbilisi als eine sehr kontrastreiche Stadt zwischen Orient und Okzident wahrgenommen, mit Einflüssen und Besuchern aus beiden Erdregionen. Die Innenstadt war im Mai gut besucht, aber lange nicht überlaufen, was uns einen belebten, aber gleichzeitig entspannten Besuch ermöglichte. Anders als im Libanon kamen wir leider nicht so häufig mit Einheimischen ins Gespräch, was einerseits an unseren nicht existenten Georgischkenntnissen liegen mag, möglicherweise aber auch an einer etwas in sich gekehrteren Einstellung vieler Georgier. Auch würde ich Georgien und Tbilisi nicht mehr als Geheimtipp bezeichnen: Die Stadt hat in den letzten Jahren mit mehreren neuen Touristenattraktionen die nötige Infrastruktur für einen komfortablen Besuch geschaffen. Unsere Zeit war durchgehend schön, es war eine riesige Freude, fotografierend durch die Straßen zu ziehen und immer freundlich empfangen zu werden. Die Unterkünfte sind sehr gut und das Essen nicht zu teuer. Kurz: Es gab keine Probleme oder Komplikationen. Jedoch hat uns das gewisse Extra, der Überraschungsfaktor, gefehlt, der uns damals im Libanon so überwältigt hat.

Wer schreibt hier?
Ich bin André, lebe beruflich in Kamerun und liebe alle Arten von Abenteuerreisen. Auf Wohinnoch? erkunde ich mit euch die Welt, schreibe Erfahrungen nieder und gebe euch Reisetipps. Wenn diese Worte nicht meine letzten an dich sein sollen, kannst du meinen Blog abonnieren und mir auf Instagram folgen.


































