Afrika,  Kamerun,  Ostkamerun

Lobéké Nationalpark #3: Büffel und eine unverhoffte Waldbegegnung

Wir sitzen im sonnigen Basislager und schlürfen die letzten Instant-Nudeln von unseren Plastiktellern. In den letzten Stunden haben wir auf unseren Märschen durch den Lobéké-Nationalpark bereits einige Affen, eine seltene Schlange, sowie einen Gorilla gesehen. Und noch haben wir die Hoffnung, Elefanten oder Büffel vor die Nase zu bekommen! Dementsprechend motiviert sind wir, gleich wieder zum Aussichtspunkt aufzubrechen und weitere Tiere zu beobachten. Dass wir heute eine große Überraschung erleben sollten, war uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst.

Eine Unverhoffte Begegnung – Tiroler in Kamerun?

Der Marsch von der Basis zum Aussichtspunkt ist uns bestens bekannt. Wie immer laufen wir schweigend durch das dicke Laubgerüst und kommen schließlich am blauen Mirador an. Wir besteigen die knarzigen Holzstufen und schauen auf das uns vertraute Panorama: Die Waldlichtung liegt friedlich vor uns. Ein warmer Gedanke, dass dieser meditative Ort jederzeit existiert, durchfließt meine Adern. Und wie immer stattet uns auch der Reiher seinen allabendlichen Besuch ab.

Plötzlich hören wir es im Unterholz knacken. Die Geräusche, erst von links, dann von rechts, kommen immer näher. Schließlich raschelt es unter unserer Hütte. Für Elefanten scheinen die Bewegungen nicht stumpf genug. Streift hier also womöglich der berüchtigte Panther sein Revier ab? Jetzt knarzen sogar die Holzstufen. Ein Lebewesen erklimmt die Treppen! Hätte ich doch den Weichkäse luftdicht verpackt!

Es ist nur noch eine Frage von Sekunden und schon steht die Gestalt vor uns. Doch anstatt mit gelben Schlitzaugen und sabberndem Maul bedrohlich zu fauchen, strahlen uns zwei hellblaue Tiroler Augen entgegen. Gianluca! Unser Freund, der aufgrund einer Lebensmittelvergiftung am Rande des Nationalparks auf die Expedition verzichtet hatte, steht nun mit ausgebreiteten Armen vor uns. Vergiss die Büffel, wirf die Elefanten in die Tonne: Das ist unser schönster Moment auf der Reise!

Da Gianluca nicht lebensmüde ist, ist er natürlich nicht allein durch den Wald gewandert. Mit ihm kamen ein weiterer Waldführer und ein Wächter. Das heißt, dass unser Team mittlerweile auf die kritische Größe angeschwollen ist, die es braucht, um ein Hochzeit-Buffet in Sekundenschnelle zu plündern. Apropos Hunger: Die Sonne neigt sich bereits dem Horizont und unsere Mägen grummeln nach Tütensuppe. Zeit ins Lager aufzubrechen. Dass uns das Ausbleiben weiterer Tiere nicht groß betrübt hat, muss ich nicht weiter erwähnen.

Neue Eindrücke aus dem Wald

Auf dem Weg durch den Wald, den wir ja nun bereits zum siebten Mal ablaufen, merken wir, was für eine Bereicherung unser Freund für die Gruppe ist. Er, als Förster, gibt sich nämlich nicht damit zufrieden, ohne Anhaltspunkte ins Gehölz zu glotzen, sondern testet bei jeder Gelegenheit das Fachwissen unserer Waldführer. Und siehe da: Der braune Baum da links ist plötzlich ein Gummibaum, und der dunkelschwarze ist ein Ebenholz. So langsam lernen wir den Wald zu lesen. Anhand der trockenen Blätter auf dem Boden können wir, ohne hochzuschauen, erahnen, dass über uns kein Baum der Sonne den Weg versperrt.

Beeindruckend ist, dass die Führer den Wald nicht wie Wissenschaftler sezieren und ihm somit jeglicher Spiritualität rauben. Stattdessen reden sie mit dem Wald. Vielleicht sind sie sogar der Wald. Isst man die Rinde von einem bestimmten Baum und wünscht sich dabei den Namen einer Person, wird man diese in naher Zukunft auch vor Gesicht bekommen. Ein anderer, tief verwurzelter Makrophanerophyt trägt eine schwarze Frucht, mit der man sich bis in die Ewigkeit Tätowierungen unter die Haut ritzen kann. Am dritten Baum schließlich, an dessen Rinde fiese Ameisen krabbeln, lauschen wir der Geschichte, wie Schimpansen gelegentlich Gorillas töten. Und zwar drücken sie den Gorilla so lange an den Stamm des Baums, bis er vom Schmerz der Ameisenstiche schließlich ohnmächtig wird und stirbt. So brutal kommt uns der Wald aber nicht vor. Als wir bei Dunkelheit im Lager ankommen, köchelt bereits eine Suppe über dem Lagerfeuer und unser Team palavert im Schein der flackernden Flammen. Die überraschende Rückkehr Gianluca’s war der Höhepunkt unserer Reise, doch auch bezüglich großer Säugetiere sollten wir am nächsten Morgen nicht enttäuscht werden.

Unsere Letzte Chance und die Belohnung: Büffel!

Die Nacht war so ruhig wie die Waldlichtung, die wir auch am nächsten Tag vor Sonnenaufgang aufsuchen. Noch haben wir diese eine Chance. Die Dämmerung ist anders als gestern, als sich nach einer regnerischen Nacht die dichten Dunstwolken langsam über dem Kronendach erhoben. Heute jedoch steigt ein wärmender Ball hinter den Bäumen auf und taucht die Lichtung in ein honigweiches Gold. Je höher die Sonne, desto mehr verschmilzt sie mit dem Himmel.

Doch all der Schönheit zum Trotz verweigern die Tiere weiterhin ihre Teilnahme an dem Spektakel. Bis auf den Reiher natürlich. Der sieht sich nie an den Touristen satt. Begleitet wird er für ein paar Minuten von ein paar Riesenturako, die sich wenig später ins Astwerk zurückziehen werden. Unsere Waldwächter bekämpfen ihre Langeweile derweil mit Mensch-ärger-dich-nicht, welches sie auf ihrem Handy spielen. Da fahren unsere beiden Waldführer plötzlich hoch und zeigen mit großen Augen auf das andere Ende der Waldlichtung!

Rotbüffel, eins, zwei, dann drei, treten langsam aus dem Schatten des Waldes und betreten die Freifläche. Wie ihr Name schon sagt, sind sie rot-bräunlich gefärbt. Mit einer Länge von bis zu zwei Metern und bis zu 300 Kilogramm Gewicht, sind sie den lieben langen Tag mit dem Verspeisen von Gräsern beschäftigt. Aus vielleicht hundertfünfzig Metern Entfernung können wir sie dabei in aller Ruhe beobachten, wie sie mit dem ins Gras getunkten Schädel langsam von links nach rechts und wieder zurücktrödeln.

Nur einmal, bei einem lauten Knall aus unserer Hütte, heben sie ihre Köpfe und spitzen die Ohren. Ein Jäger? Nein. Den Waldwächtern ist soeben beim passionierten Spiel das Handy aus der Hand gefallen und mit voller Wucht auf dem Holzboden gelandet. Mucksmäuschenstill verharren wir in unserer Stellung. Jetzt bloß kein weiteres Geräusch machen. Nach wenigen Sekunden scheint für die Büffel die Gefahr vorüber. Sie tauchen ihre Schnauzen wieder ins schmackhafte Grün.

Eine knappe Stunde schauen wir den dicken Säugern dabei zu, wie sie ihr Frühstück essen und ich muss sagen, dass ich nach zwei Tagen Tütensuppe neidisch auf ihr Frühstück bin. Irgendwann prallt die Sonne schließlich zu stark auf ihre Felle und sie ziehen sich wieder in den Urwald zurück. Wenige Sekunden später gibt es kein Indiz mehr über ihren Besuch. Auch wir brechen weniger später auf und versuchen keine Spuren zurückzulassen. Wenig später sind wir ein letztes Mal an unserer Basis.

Abreise aus dem Lobéké-Nationalpark

Wehmütig, aber erfüllt rollen wir die Isomatten zusammen und packen unsere Zelte in die dafür vorgesehenen Säcke. Nahrung und Wasser haben wir fast vollständig aufgebraucht, wodurch es die Träger auf dem Rückweg wesentlich einfacher haben. Dann heißt es sich von dem Lager zu verabschieden und sechs Kilometer zurück zur Weggabelung zu laufen, bei der uns das Auto abholen wird.

Noch einmal kommen wir in den Genuss der faszinierenden Natur. Mit lautem Fächern zieht ein Schwarzhelm Hornvogel bedrohlich über uns seine Kreise. Das Geräusch seiner Flügelschläge kommt dabei dem Stoßen eines Blasebalgs näher, als dem Geflatter eines handelsüblichen DIN-A4 Vogels. Schließlich setzt der Koloss sich auf einen dicken Ast. Trotz seiner Größe ist jetzt nur noch unser Waldführer in der Lage, den Hornvogel aufzuspüren.

Ein wenig später, kurz bevor wir die Gabelung erreichen, bleibt unser Waldführer noch einmal stehen. Es riecht nach Gorilla. Und tatsächlich hören wir ein lautes Rascheln rechts von uns. Er hat jedoch die Flucht ergriffen und wir ihn nicht zu sehen bekommen.

Nach einer guten Stunde sehen wir unseren weißen Jeep, ganz wie vorher – nur, dass eine Fensterscheibe fehlt. Die Bruchstücke liegen verteilt im Auto. Was hier passiert ist, wollen wir gar nicht erst wissen. Vielmehr nehmen wir Abschied vom Wald. Die drei Tage haben mir einen Einblick in die Natur gegeben, den ich so noch nie in meinem Leben erhalten habe. Wann schreitet man schon von Gorillas, Elefanten und Affen umgeben über verborgene Waldwege? Eine fabelhafte Erfahrung geht zu Ende.

Auch auf der Rückfahrt sind wir noch jedem vorbeihuschenden Waran, jedem Schwarzrückenducker und jeder Gruselunke dankbar. Bald schon werden wir wieder vor unseren Rechnern in irgendeiner Hauptstadt sitzen und uns fragen, ob es das wirklich ist. Oder ob das richtige Leben nicht eigentlich hier, auf der stillen Waldlichtung von Djaloumbé, seine ruhigen Bahnen zieht.

Noch nicht genug?

Wenn du mehr über meine Reisen erfahren willst, dann schau doch gerne hier auf meinen unterschiedlichen Reise-Seiten vorbei:

Lobeke Nationalpark #1: Neue Schlangenart entdeckt?

Der erste Teil der Reiseserie in den Lobéké Nationalpark. Im Marsch durch den Regenwald entdecken wir Affen und seltene Schlangen.

Route, Budget & Co – Alles für deine Reise in den Lobéké-Park

Planst du selbst eine Reise in den Lobéké-Nationalpark? Dann findest du hier alle Infos bezüglich der Reisezeit, Unterkünften, Budget, Packliste und Telefonnummern von wichtigen Kontakten!

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