Fotowanderung im Großen Kaukasus – Stepantsminda / Georgien
Der große Kaukasus im Norden Georgiens ist wahrlich ein Hochgenuss. Auf der Herrstraße, der Schlagader aller georgisch-russischen Wirtschaftsbeziehungen, fährt man durch das Gebirge an genauso vielen druckreifen Panoramen vorbei, wie an Lastern. Noch auf knapp 2.000 Metern Höhe trifft man auf Ortschaften und kann von dort aus etliche Wanderungen unternehmen. Auf dieser Fotowanderung nehme ich euch mit auf zwei davon: Zur Dreifaltigkeitskirche und zum Chaukhi Pass.
Herrstraße – Anfahrt nach Stepantsminda
In Schafsgeschwindigkeit tuckerten wir mit unserem Hybriden die Heerstraß hinauf. Eine tausend Euter zählende Herde hatte sich dabei den Asphalt als geeignetsten Laufuntergrund ausgemacht und kreierte dabei einen kilometerlangen Stau. So konnten wir uns in aller Ruhe die vielen Souvenirläden auf dem Weg anschauen. Überall wurde mit Halal-Essen geworben – viele Touristen kommen aus der Türkei, dem Iran. Auch hatten wir genug Zeit die Nummernschilder zu begutachten: Ein wahrer Georgier liebt allem Anschein nach Anagramme. Wer kein „GG 101 GG“ oder „XA 403 AX“ am Auto zu kleben hat, gilt als Versager. Dazu gehören die russischen Wochenendbesucher, sowie die Deutschen mit Mietwagen.
Stepantsminda – Gruseliger Ski-Ort
Stepantsminda wirkte auf uns wie ein Kriegsgebiet: Zerbombte Straßen, ständig die Gefahr von umherfliegenden Mülltonnen erschlagen zu werden, meterhohe Gullis, an denen man sich rasch den Zehnagel aufreißt und alte, grimmige Männer, die in ihren Autos sitzend das Geschehen beobachten, als wären sie jederzeit bereit in die nächste Schlägerei einzugreifen. Die Auflistung lässt sich beliebig fortsetzen: In der kleinen Backstube wird beim Teig kneten geraucht, Besoffene kippen vor unserem Auto vom Fahrrad und ständig riecht es nach frischem Teer. Das alles erlebten wir in vier Tagen. Den Aufenthalt können wir trotzdem empfehlen: Die Aussicht ist einfach zu gut.
Die Dreifaltigkeitskirche – Überschätzte Attraktion
Die Gräuelliste geht auf unserer Wanderung zur hochgelobten, Postkartenreifen Dreifaltigkeitskirche weiter, denn statt magischer Pilgerstätte sahen wir nur Baugerüste. Hier wird wohl gerade der Sommertourismus vorbereitet. In der Kirche verwirrten mich dann die Gemälde: Jesus trägt überall ein Laserschwert und macht dazu ein Duckface. Petrus legt seine Stirn in Pobacken-Förmige Falten. Auf einem weiteren Aussichtspunkt dann schmerzen uns die Ohren, weil liebebedürftige Jugendliche in dicken Mercredes Benz wie verrückt über den Parkplatz drifteten. Meine Enttäuschung war groß. Kein Wunder bei einem Land, in dem alles auf Wardse endet? Nein, wir hatten bisher einen tollen Trip. Doch Orte, die über Social Media zu viel Aufmerksamkeit kriegen, führen im echten Leben fast immer zu Ernüchterung. Und zum Glück bot der nächste Tag eine ganz gegenteilige Erfahrung.
Chaukhi Pass – Wanderung ins Glück
Der Chaukhi Pass ist einer der höchsten Pässe Georgiens. Von dem kleinen entlegenen Dorf Juta, auf 2.200 Metern Höhe, kann man den Pass mit farbenfrohen Seen erkunden und sogar bis noch entlegenere Roshka wandern. Unserer Tagestrip startete in Stepantsminda. Mit dem Auto ging es vorbei an Felsbrocken mit eingravierten Gesichtern. Zu welch unwahrscheinlichen Kreationen die Natur in der Lage ist, da staunt man doch immer. Weiter ging es die Erdpiste hinauf. Unser Hybrider- tiefgelegt und ohne Allradantrieb – leistete uns gute Dienste, doch irgendwann war Feierabend. Wir mussten das Auto nach gewagten Berg-Manoeuvern in einer Seitentasche stehen lassen und noch drei Kilometer bis Juta laufen.
Im friedlichen, fast schon verlassenen Juta angekommen ging die eigentliche Wanderung erst richtig los. Wir wanderten entlang der Bergbäche, die die saftig grünen Hochwiesen durchziehen und waren dabei so gut wie allein unterwegs. Die Szenerie, als auch die klare Bergluft, atmeten wir sehnsüchtig, wie wir nach solch einer Naturerfahrung waren, tief ein. Hier gehts zum Komoot-Link der Route.
Nachdem wir den ersten Aufstieg hinter uns gebracht hatten, liefen wir fast die gesamte Zeit über eine nur noch leicht ansteigende Talschlucht, die es uns schwer machte, uns zu verlaufen. Wie in einer Arte-Doku posierten Wildpferde vor mächtigen, schneebehangenen Bergen. Wenig später kosteten wir den schmilzenden Schnee. Unter den knisternden Schollen hörten wir schon ein Bächlein fließen. Die Sonne verwöhnte uns an diesem Tag auf der Hochebene, sodass wir nicht wussten, ob es warm oder kalt war. Schließlich kamen wir an einem spiegelnden See an. Hier verweilten wir einen Moment und bewunderten die mächtig auftrumpfenden Gipfel.
Wir nahmen uns viel Zeit, sodass uns nun die ganzen Mitreisenden überholten, die noch das Frühstücksbuffet im Hotel mitnehmen wollten. Wir hatten aber auch Vorkehrungen getroffen: Brot und einen Block Käse. Ein Träumchen! Diesen verzehrten wir noch einige wenige hundert Meter weiter ganz nahe einer großen Schneeschicht, vor deren Überquerung uns alle Wanderer abrieten. Man wüsste ja nicht, was unten drunter so schlummert. So aßen wir also brav unseren Käse und kehrten glücklich nach Hause zurück.
Ende.

Wer schreibt hier?
Ich bin André, lebe beruflich in Kamerun und liebe alle Arten von Abenteuerreisen. Auf Wohinnoch? erkunde ich mit euch die Welt, schreibe Erfahrungen nieder und gebe euch Reisetipps. Wenn diese Worte nicht meine letzten an dich sein sollen, kannst du meinen Blog abonnieren und mir auf Instagram folgen.



































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