Wie ich in Mekelle TikTok-Star wurde – versehentlich
Ich wollte nur für zwei Stündchen die Stadt Mekelle erkunden und war einen Tag später plötzlich ein tanzender TikTok-Star mit hunderttausenden Zuschauern. Dabei habe ich gar kein TikTok. Wie konnte das passieren? Die Antwort liegt in den Begegnungen dieser zwei Stunden und in einer Offenheit, mit der ich nicht gerechnet hatte.
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Der Palast von Yohannes IV
Wir befinden uns im Norden Äthiopiens, in der Hauptstadt Tigrays, Mekelle. An einem Pausentag nach der Reise in die Danakil-Senke ziehe ich allein los, um den alten Palast von Kaiser Yohannes IV zu besuchen. Nach einem Rundgang durch die beiden Museumsgebäude mit allerlei Reliquien trete ich wieder hinaus auf den Vorplatz, wo sich immer mehr Menschen versammeln. Ich ahne noch nicht, was mich hier gleich erwarten wird.

Eine Begegnung, die Türen öffnet
Halefom, ein junger Mann, bittet mich um ein Foto und kommt dabei schnell ins Gespräch. „Siehst du die kreuzförmigen Muster auf den Kleidern? Die kunstvoll über die Stirn geflochtenen Haare der Frauen? Die roten Teppiche und goldenen Throne auf dem Burgplatz?“ Er grinst: „That is very cultural, very historic, very smart!“

Der zuvor leere Hof ist inzwischen voller Menschen. Halefom, der mich bereits als Bruder bezeichnet, erklärt mir den Grund: In wenigen Minuten würde hier ein bekannter tigrinischer Musiker, Goytom Gebrye, ein Musikvideo drehen. Er und die anderen gehören zur festlich gekleideten Kulisse.

Eine Einladung, die man nicht ablehnt
Da fragt er mich plötzlich: „André, willst du nicht mitmachen?“ Ich denke an eine Statistenrolle im Hintergrund und willige problemlos ein. Wann hat man schon die Gelegenheit, unauffällig in einem Musikvideo mitzuspielen? Kurzerhand werden mir weiße Kleider übergestreift. Weiß gekleidet – in Äthiopien die Farbe der Freude – ernte ich von überall wohlwollende Blicke. Jedenfalls solange man nicht auf meine Schuhe schaut, wo meine neon-grün strahlenden Laufschuhe das Outfit nicht sehr elegant abrunden. Aber die sieht man ja nicht, wenn ich ganz hinten stehe. So stehe ich zwischen den anderen, und immer mehr Menschen kommen auf mich zu.


Mein erstes TikTok – ohne TikTok
Da wäre zum Beispiel ein junger, bulliger Mann mit dem TikTok-Namen Hajer Lebes. Schon zur Begrüßung hält er mir sein Handy ins Gesicht und fragt nach einem gemeinsamen Video. Ganz der Impro-Logik folgend, „Ja, und…“, willige ich ein, ohne genau zu wissen, worauf.
Kurzerhand streift der geölte Gugelhupf sein T-Shirt ab und legt ein martialisches Brusttattoo frei. Das sieht bedenklich nach politischem Statement aus, denke ich. Hoffentlich muss ich hier gleich keine Parolen aufsagen.
Also frage ich nach dem Drehbuch. Die Entwarnung kommt prompt: Ich soll lediglich seinen Vor- und Nachnamen sagen, woraufhin er lachen und wir beide etwas klump zu tanzen beginnen würden. Sein Tanz besteht aus ruckartigen Bewegungen, bei denen die Arme angehoben werden, als würden wir synchron die Zeit auf unseren Rolex prüfen. Nach wenigen Minuten ist alles vorbei und ich frage mich, wer sich so etwas freiwillig anschaut.

Inmitten eines professionellen Musikvideos
Die Stärkung meiner äthiopischen Medienpräsenz sollte ich nach dem merkwürdigen TikTok weiter vorantreiben. Mittlerweile ist es Abend, der Platz in Scheinwerferlicht getaucht, und das eigentliche Musikvideo kann beginnen. Die Tänzer stellen sich im Spalier auf, umrahmen den langen roten Teppich und den goldenen Thron. Ich ziehe mich unauffällig nach hinten zurück, dachte ich zumindest. Kaum hatte ich es mir in der Unscheinbarkeit bequem gemacht, greift mich Halefom am Schlawittchen und zieht mich nach vorne, direkt neben den Musiker.

Oha! Da haben sie nun aber den Falschen rekrutiert. Zwar hat mir Kamerun gelehrt, dass es beim Tanzen nicht um Perfektion, sondern um Spaß geht. Doch wer weiß, ob diese Norm in Äthiopien auch gilt. Zeit zum Nachdenken bleibt keine: Die Scheinwerfer gehen an, die Musik setzt ein. Auf meine Ohren wirkt sie orientalisch, mit dem für Äthiopien so typischen Doppelschlägen „dumm dumm“ als Rhythmus. Bei diesen sacke ich nach unten, als hätte mir jemand ins Knie geschossen, nur um kurz darauf wieder nach oben zu wippen. Ich hüpfe vom linken aufs rechte Bein, schüttele die Schultern, stoße Freudenschreie oder Zischlaute aus. In der Theorie versteht sich.
Nach fünf Minuten ist alles vorbei. Eine Szene im Kasten. Der Dreh geht weiter, doch ich muss los. Schließlich habe ich Flavy gesagt, ich sei nur kurz Zigaretten holen. Jetzt ist es dunkel und ich Teil eines Drehteams. Was für ein Abend.
Der nächste Tag – Einordnung
Nach dem Drehtag sitze ich mit meinem Guide Gebre am Mittagstisch. Er schaut sich gerade das TikTok Video mit dem tätowierten Boliden an und kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. „André, das Video hat vierhunderttausend Aufrufe“ sagt er. Damit habe ich nicht gerechnet. Für einen kurzen Moment war ich so etwas wie eine lokale Berühmtheit. Doch da ist noch etwas in Gebres Blick…
Er erklärt mir, dass sich die meisten Zuschauer über den TikToker lustig machen, nach dem Motto: „Dicke Muskeln, aber nichts dahinter. Ein hornloser Bulle.“ Unter dem Video war ein Kommentar: „Erschrecke bitte nicht unsere Touristen, sonst kommen sie nie wieder“. Ich muss lachen. Liebe Äthiopier, ich versichere euch: Mein Aufenthalt in Mekelle war alles andere als abschreckend!

Denn was hängenblieb, ist etwas anderes: der Stolz, mit dem mir die Menschen ihre Kultur zeigen. In meiner Heimatstadt Berlin habe ich noch nie einen Fremden eingeladen in meine Welt einzutauchen. Hier passiert das ganz selbstverständlich. Dieses Gefühl, willkommen zu sein, sollte mich durch die gesamte Reise begleiten.

Wer schreibt hier?
Ich bin André, lebe seit 2022 in Kamerun und bin dein Anlaufpunkt für Reisen in Kamerun. Auf Wohinnoch? erkunde ich mit euch die Welt, schreibe Erfahrungen nieder und gebe euch Reisetipps. Wenn diese Worte nicht meine letzten an dich sein sollen, kannst du meinen Blog abonnieren und mir auf Instagram folgen.





3 Comments
Marita Müller
Das hab ich in den 80ern in der Türkei
auch erlebt, grenzenlose Gastfreund
schaft,u ich schäme mich für die Deut
sche Politik.
Daniela
Interessante Berichte, freue mich immer was neues zu lesen.
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