Zu Gast auf Traditioneller Hochzeit in Kamerun: Fotos & Erlebnisse
Vor einigen Wochen durfte ich den festlichen Auftakt zur traditionellen Hochzeit der Schwester meiner Freundin miterleben. In meinem letzten Beitrag habe ich bereits das erste Ritual dieses Zeremonien-Marathons per Video vorgestellt. Heute präsentiere ich die Fotos, die ich als auserkorener Fotograf an diesem Abend gemacht habe. Sie zeigen das Toquer Porte, das „An-die-Tür-Klopfen“, bei dem sich beide Familien über die bevorstehende Hochzeit austauschen. Der Beitrag ist in fünf Abschnitte gegliedert: 1. Vorbereitungen, 2. Ankunft der Gäste, 3. Zeremonie, 4. Feier und 5. Der Tag danach. Viel Spaß!
1. Die Vorbereitungen
Als wir am Freitagabend im Haus der Familie meiner Freundin ankamen, waren die Vorbereitungen für die morgige Zeremonie schon in vollem Gange. Tanten, Cousins und Nachbarn halfen im warmen Licht des Feuers eifrig beim Grillen der dutzenden Hühner und beim Räuchern der Fische. Die Männer, denen bei solchen Vorbereitungen schnell langweilig wird, weil sie ihre Mitarbeit auf das Anzünden des Grills beschränken, warfen derweil ein paar Erdnüsse in eine Pfanne und schnabulierten diese mitsamt eines Tetrapack Weins.
Gegen Mitternacht, als sich auch das letzte Huhn als gegart bezeichnen durfte, waren wir mindestens genauso durch wie ebenjene. Noch einmal besprachen wir den Plan für den nächsten Tag. Die große Zeremonie würde viel Energie kosten, also taten wir gut daran, uns auszuruhen. Ich ging in mein Zimmer, spannte das Moskitonetz unter die Matratze und schloss meine vorfreudig leuchtenden Augen.
2. Ankunft der Gäste
Wer dachte, die Vorbereitungen seien mit dem gestrigen Tag abgeschlossen gewesen, der irrt sich gewaltig. Als ich mich gegen neun aus dem Bett schälte, war das Gewusel bereits groß. Gut möglich, dass mehr Nachbarn zum Helfen gekommen sind, als ich Menschen kenne. Sie schleppten Stühle heran, trugen Holzlatten und spannten weiße Zeltplanen auf. Auch das Kochen wurde mit doppelter Anstrengung fortgesetzt. Um 200 Mägen zu füllen müssen jede Menge Kochbananen geschnippelt und Salatblätter gerupft werden. Nur gut, dass man in Kamerun nicht viel von Salaten hält und stattdessen lieber Eingeweide und andere Grobheiten in den Kochtopf wirft. Das spart Zeit und Arbeit. Ich erhielt derweil den Job des Luftballon-Aufblase-Assistenten – eine ehrhafte und verantwortungsvolle Aufgabe.
Als ich mir sicher sein konnte, keine schweißtreibenden Arbeiten mehr erledigen zu müssen, begann ich mich umzuziehen. Im Wohnzimmer wartete bereits unsere Schneiderin, die mich in ein traditionelles blau-gelbes Gewand hüllte, das heute alle Männern der Familie tragen würden. Ich fand es schick! Allerdings wäre es wohl kaum die passende Wahl für den Sektempfang beim nächsten Alumni-Treffen meiner deutschen Hochschule. Gegen zwei traf schließlich die Gastfamilie ein und machte es sich auf den bunten Plastikstühlen bequem. Begrüßt wurde sie an diesem Punkt von niemandem – das war dem nächsten, feierlichen Teil der Zeremonie vorbehalten.
3. Die Zeremonie
Die Zeremonie war so farbenfroh und lebendig, dass ihr euch sie am besten in Videoform anseht. Sie begann mit einer Messe, die musikalisch vom Kirchenchor begleitet wurde – in dem auch die Braut singt. Gesungen und gebetet wurde hierbei sowohl auf Französisch, als auch auf Ewondo, der lokalen Sprache in der Yaoundé-Region. Anschließend folgte der Austausch zwischen den Familien, dem die Braut übrigens nicht beiwohnte. In einer Mischung aus Theater, Komödie und Tradition ergriffen die Chefs beider Familien das Wort. Sie bedankten sich gegenseitig für die Vorbereitungen, tauschten zahlreiche freundliche Gesten aus und überreichten Gaben wie Reis, Stoffe und Whisky. Erst nach diesem feierlichen Akt wurden die Gäste mit herzlichem Händeschütteln im Haus willkommen geheißen. Es folgte eine kurze Pause, bevor die Zeremonie auf ihren Höhepunkt zusteuern sollte: Die Vorstellung der Braut.
Es herrschte vorsichtiges Gekicher, als die vermeintliche Braut die Szenerie betrat. Doch wer da nun zwischen den Familien stand, war gar nicht die Braut. Es war eine ähnlich aussehende Schwester. Die Gastfamilie wollte also prüfen, ob die Familie des Bräutigams die echte Braut auch wirklich erkennt. Das war besonders lustig, da das Paar bereits seit vielen Jahren zusammen ist, bereits zwei Kinder hat und die Braut dazu noch ein drittes im Bauch trägt.
Nachdem der Täuschungsversuch entlarvt war, trat nun endlich die wahre Braut, unter allgemeinem Staunen über ihre Schönheit, hervor. Nun lag es an ihr, die Hochzeit anzunehmen – oder alles abzublasen. Um sich für die Ehe zu entscheiden, brauchte sie nur die Whiskyflasche und einen Umschlag mit Geld zu nehmen und diese dem Chef ihrer Familie zu überreichen. Auch hier spielte sie, mit einem breiten Grinsen im Gesicht, zunächst damit, in die eine oder andere Richtung zu laufen, oder den Umschlag vielleicht sogar einem Baby zu geben. Doch schließlich machte sie einen eleganten Bogen und übergab den Whisky dem Familienchef. Die Anspannung wich augenblicklich jubelnden Freudenschreien, Umarmungen und Tränen der Rührung, die den offiziellen Teil der Zeremonie abschlossen. Nun fehlte nur noch der inoffizielle Teil.
4. Die Feier
Endlich war es soweit: Das mühevoll vorbereitete Buffet durfte verzehrt werden! Allerdings nicht von uns. Die Gastfreundschaft gebot es, dass zuerst die Gäste serviert wurden – und zwar mit dem besten Stück Fleisch, sowie dem bequemsten Platz im Wohnzimmer. Ganz selbstverständlich wurden Speisen und Getränke in der Reihenfolge von Rang und Ansehen verteilt. Der Wein wurde entkorkt, und die 5-Liter-Kanister mit Palmwein aufgeschraubt. Erst nachdem die Ehrengäste versorgt waren und ihre Hosenknöpfe schon lockerer saßen, durften auch wir uns an den übrig gebliebenen Salatblättern des Buffets bedienen.
Unsere Mägen waren voll und die milde Sonne hinter den Wellblächern verschwunden. Es fehlte nur noch eines: Tanzen. Doch improvisieren war angesagt, da der Strom gerade weg war. An solche Umstände gewöhnt, schnappten sich die Kinder kurzerhand die Plastikstühle, klemmten sie sich zwischen die Beine und begannen, darauf zu trommeln. Wir formierten uns tanzend im Kreis, während die Jugendlichen dafür sorgten, dass jeder – ob Baby, Teenager oder Großmutter – einmal in die Mitte gezogen wurde, um eine besondere Tanzbewegung vorzuführen. Als unter großem Gelächter alle einmal an der Reihe waren, blitzten plötzlich die Glühbirnen auf, und die Lautsprecher erwachten mit lauter Musik zum Leben. Die Feier war gerettet!
Wir hatten bestimmt schon zwei Stunden getanzt, da nahm mich Onkel Pen auf einmal zur Seite und fragte mich, ob wir nicht ein bisschen in seiner Bar Billard spielen wollten. Die Anfrage kam unerwartet. Warum sollten wir die Hochzeit verlassen? Doch die Idee war so verrückt, dass ich nicht wiederstehen konnte. Schnell verabredeten wir uns noch mit den anderen Schwestern, uns später wieder zu treffen, und schlichen uns schließlich von der Feier davon.
Im Gebrauchtwagen, einer wahren Klapperkarre, bei der der Motor bei jedem Bremsen absoff, fuhren wir zur Bar. Jedes Mal, wenn der Wagen stoppte, winkte Onkel Pen fröhlich ab und rief: „Kleine Details, kleine Details! Ein paar Handgriffe, und das Ding läuft wie neu!“
Ich bin mir nicht sicher, worauf ich stolzer bin, dass das Auto überlebt hat oder ich selbst. Jedenfalls spielten wir ein paar Runden Billard, bevor wir uns später mit den Schwestern und Freunden in einem Nachtclub trafen. Wer mich kennt, weiß: Meine Feierenergie ist begrenzt, und in diesem Moment war mein Akku komplett leer. Ich bekam richtig schlechte Laune und wollte nur noch ins Bett. Aber so einfach war das nicht. In Kamerun bleibt die Familie zusammen, niemand macht sein eigenes Ding und lässt die anderen im Stich. Außer natürlich, wenn man mal unbedingt Billard spielen möchte… Also hing ich lustlos im Club herum, während die anderen fröhlich tanzten, und wartete sehnsüchtig auf das Ende dieses langen Tages.
5. Der Tag danach
Lass es um fünf gewesen sein, als ich das Moskitonetz wieder unter der Matratze einspannte und meine nur noch schwach glimmenden Augenlider schließen konnte. Lange währte der Zustand der Ruhe jedoch nicht. Der nächste Termin im Kalender sah den Besuch der Sonntagsmesse um elf Uhr vor. Um meine schlechte Laune von gestern Nacht wieder gut zu machen, unternahm ich auf den harten Holzbänken keine Anstalten und hörte aufmerksam dem Kirchenchor zu, der aus vollen Kehlen seine Lieder in das Kirchenschiff donnerte. Die selben heiseren Kehlen, wohlgemerkt, die gestern noch zur medizinischen Notversorgung mit warmem Bier und Palmwein befeuchtet wurden.
Wir kehrten ins Haus der Familie zurück. Alle Gästen hatten sich bereits verabschiedet, das Zelt war abgebaut und die Stühle wahrscheinlich schon irgendwo auf einer anderen Feier im Bezirk. So kamen wir also im engeren Kreis zusammen, zur „Liquidation“, der Verflüssigung der Restbestände. Die Mutter hielt eine schöne, ruhige Rede und bedankte sich herzlich für die Unterstützung aller Anwesenden. Das Fest war ein voller Erfolg, und jeder Einzelne hatte dazu beigetragen. Schließlich wurde das Buffet eröffnet, und in allgemeiner Erleichterung über das bevorstehende Ende dieses Wochenendes wurde ein letztes Mal geschmaust. Sogar der Bräutigam schaute noch einmal vorbei, um mit seiner Frau die Liste für die Mitgift zu besprechen. Was das genau bedeutet, erfahrt ihr in ein paar Monaten…
Mein Blick aus der Ferne
Im Nachhinein erfüllt mich das Toquer Porte mit viel warmer Energie. So viel gelebte Tradition und Zusammenhalt begegnen mir im Leben selten. Auch hat es mich sehr berührt, dass ich als Teil der Familie an diesem Fest teilnehmen durfte. Gleichzeitig habe ich jedoch auch meine Grenzen kennengelernt: Am Tag darauf war ich so erschöpft und erkältet, dass ich mit Mütze und Pullover ins Büro fahren musste.

Wer schreibt hier?
Ich bin André, lebe beruflich in Kamerun und liebe alle Arten von Abenteuerreisen. Auf Wohinnoch? erkunde ich mit euch die Welt, schreibe Erfahrungen nieder und gebe euch Reisetipps. Wenn diese Worte nicht meine letzten an dich sein sollen, kannst du meinen Blog abonnieren und mir auf Instagram folgen.


























































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