Afrika,  Äthiopien

Genna: Wie wir Weihnachten in Äthiopien völlig neu erleben

Wer sagt zu zwei Mal Weihnachten im Jahr schon Nein? Auf nach Äthiopien also, wo man am 7. Januar Genna feiert, das äthiopisch-orthodoxe Weihnachtsfest. Doch Genna ähnelt unserem Weihnachten etwa so sehr wie ein veganer Hackbraten einer Festtagsgans. Kerzenmärsche, tranceartige Mitternachtsmessen und Fastenbrechen kenne ich in Berlin jedenfalls nur zu anderen Kontexten. Was wir in diesen zwei Tagen in Äthiopien erlebt haben, hatte mit heimeliger Gemütlichkeit wenig zu tun, es war ein Fest, das uns komplett übermannte. 

Yared, Flavy und ich

Hier gehts zum Komplett-Guide für die Planung deiner Äthiopienreise.

Yared – Eine glückliche Begegnung

Ohne die herzliche, manchmal fast schon penetrante Gastfreundschaft der Äthiopier hätten wir Genna allein im Hotelzimmer verbracht. Doch schon am zweiten Tag unserer Reise, zwei Wochen vor Genna, treffen wir Yared. Yared ist ein junger, sympathischer Taxifahrer aus Addis Abeba. Wir lehnen sein Angebot, uns ins Hotel zu fahren lange Zeit ab, doch schließlich, wir finden kein Ride, haben wir keine Wahl und steigen ein. Nach einer halben Stunde Smalltalk, lädt uns der immer perfekt gestylte Yared zum Genna bei seiner Familie ein.

Zwei Wochen später ist es so weit. Unsere Verabredung ist für den 6. Januar, 21 Uhr angesetzt. Unser erstes Ziel: Die Mitternachtsmesse. Um fit zu sein, legen wir uns gegen 15 Uhr noch einmal hin. Da klingelt mein Telefon. Yared. „Seid ihr bereit? In 15 Minuten bin ich da!“ Ich starre aufs Display. Sechs Stunden zu früh? Ich habe gehört, dass Äthiopier pünktlich sind, aber so pünktlich? 

Zeitverwirrung vor Weihnachten – Wenn Uhren in Äthiopien anders ticken

Erst langsam wird klar, was passiert ist: In Äthiopien ticken die Uhren anders, der Tag beginnt mit Sonnenaufgang. Was für uns 21 Uhr ist, ist hier 15 Uhr. Yared hatte „3 Uhr europäischer Zeit“ vorgeschlagen und den Nachmittag gemeint. Ich dachte an die Nacht und rechnete zurück. Wir hatten uns beide bemüht, im Kopf des anderen zu denken und uns dabei perfekt missverstanden. So geht kulturelle Einfühlsamkeit.

Ein Blick auf Addis Abeba

Kaum war das Missverständnis geklärt, tauchte die nächste Frage auf: Warum fahren wir jetzt schon los? Ist unser Ziel nicht die Mitternachtsmesse? Zeit zum Grübeln bleibt nicht. Yared steht bereits unten. Also duschen, anziehen und raus. Nur für Essen ist keine Zeit, dabei haben  wir einen Bärenhunger. Die Vorstellung, eine stundenlange Messe mit knurrendem Magen zu beginnen, erscheint uns unzumutbar. Also handeln wir mit Yared einen kurzen Stopp in einem Restaurant raus, ohne zu ahnen, was wir damit fast verpassen würden.

Kerzen, Gesänge, Gänsehaut: Genna am Meskel-Platz

So sitzen wir also schlemmend in einem Fastfood-Laden, während Yared immer wieder auf die Uhr schaut. Kaum ist die letzte Pommes verschlungen, springt er auf. „Wir müssen los.“ Wenige Minuten später erreichen wir den Meskel-Platz, der Ort schlechthin für Kundgebungen und Veranstaltungen, in etwa wie das Brandenburger Tor in Berlin. 

Ankunft am Meskell-Platz

In der Dämmerung stehen hier hunderttausende Menschen, alle in weiße Tücher gehüllt, mit Kerzen in den Händen. Es ist ein flimmerndes Lichtermeer, das sich in alle Richtungen ausdehnt. Ein gemeinsamer Gebetsgesang hallt über den Platz. Wir stellen uns dazu, entzünden unsere Kerzen an denen unserer Nachbarn und lauschen der Szene, die unwirklich scheint. Wir sind umgeben von modernen Glasbauten, eine neue Metro-Brücke verläuft über unseren Köpfen. Doch dieser Moment fühlt sich an, wie aus einer anderen Zeit. Als gäbe es dieses Fest schon seit Jahrhunderten.

Alle wirken in Gedanken versunken

Erst später erklärt mir Yared, dass diese spezifische Kerzenzeremonie in Addis Abeba noch sehr jung ist. Sie entstand vor wenigen Jahren als Alternative zum Saufspiritualismus und platzte innerhalb weniger Ausgaben aus allen Nähten. So muss nun der riesige Meskell-Square als Festplatz erhalten, der allerdings auch schon an seine Kapazitätsgrenzen stößt.

Nach dem Gesang löst sich die Andacht in Freude auf

Die Mitternachtsmesse zu Genna – Trance, Weihrauch, Überforderung

Vom Meskel-Platz geht es für uns, nach einem kurzen Stopp im Hotel, weiter zu unserem eigentlichen Ziel: der Mitternachtsmesse. Wir landen ausgerechnet in der Kirche, die für die Kerzenzeremonie inzwischen zu klein geworden ist: Bole Medhanialem, die größte Kirche Äthiopiens.

Als wir gegen 22 Uhr ankommen, läuft die Messe bereits seit über einer Stunde. Auf dem Vorplatz kaufen wir weitere Kerzen, ziehen die Schuhe aus und betreten die Kirche durch getrennte Eingänge, Flavy rechts, ich links.

In der Medhanialem Kirche in Bole

Der Innenraum ist so dicht mit Weihrauch geschwängert, dass sich die Rauchmelder-Produzenten dieser Welt den Kopf darüber zerbrechen, wie sie Äthiopien in ihr Portfolio aufnehmen sollen. Vor dem Altar wiegen die Gläubigen wie eine weiße Welle zu den langsamen Donnerschlägen der Trommeln. Monotone Litaneien, für uns unverständlich, werden nur durch fromme Gegengesänge unterbrochen. Es liegt eine feierliche Schwere und Ernsthaftigkeit über den Köpfen, die schwer zu greifen ist. 

Die Messe wirkt auf alle meine Sinne überwältigend und dennoch etwas unheimlich in ihrer kollektiven Konformität. Zu sehr Mainstream, würde der Punker sagen. Und selbst für Flavy, eine gläubige Katholikin, zu viel des Guten.

Zuschauen vom Oberrang

Mittlerweile ist es zwei Uhr. Wir haben uns längst auf den Oberrang zurückgezogen, um das Geschehen aus sicherer Entfernung zu beobachten. Von Tanzen kann keine Rede mehr sein. Es ist ein endloses Gebrummel, Hinsetzen, Aufstehen, Niederknien. Kinder, Frauen und  Männer schlafen zwischen den Bänken. Der Mann neben mir schnarcht sogar exakt im Rhythmus des Gebets. Irgendwann reicht es uns. Wir schleichen hinaus, fahren ins Hotel und fallen todmüde ins  Bett.

Schlafende Gläubige

Weihnachten bei einer äthiopischen Familie – Genna in Entoto

Den 7. Januar verbringen die meisten Äthiopier mit ihren Familien beim Festessen. Doro Wat, ein Nationalgericht, markiert das Ende des langen Fastens. Dass an diesem Tag ganz Addis stillsteht, merken wir schnell: Wir wollen zu Yareds Familie fahren, finden aber kein Taxi. Während Taxifahrer in Kamerun Feiertage als gute Einkommensquelle betrachten, bleibt in Äthiopien das Geld heute zweitrangig und alle zuhause. Schließlich muss uns ein Freund von Yared aufgabeln.

Entoto St. Maryam Kirche

Verspätet kommen wir bei Yareds Familie an, etwas außerhalb der Stadt, oben auf dem grünen Entoto-Hügel. Sie wohnen in einem Haus mit Garten – ein bisschen wie eine Berliner Kleingartenanlage, wenn man von den Eukalyptusbäumen absieht. Bald soll hier eine Schnellstraße gebaut werden. Die Regierung hat der Familie bereits eine Entschädigung angeboten, damit sie das Haus räumt. Unglücklich wirkt Yared darüber nicht. Eher stolz, dass sich seine Stadt so schnell entwickelt.

Rechts der liebe Papa, der uns immer wieder den Teller füllt

Wir werden ins Wohnzimmer gebeten, wo es sich bereits ein paar Freunde der Familie gemütlich gemacht haben. Kaum sitzen wir, werden wir bedient. Und wie. Es folgt eine noch nie erlebte Mischung aus Gastfreundlichkeit und Food-Mobbing: Injera, Doro Wat, Brot, dicke Saucen, Ziegenmilch, Kaffee, Bier, Honigwein. Jedes Mal, wenn das Porzellan unseres Tellers durchschimmert, schöpft Yareds Papa nach.

Da die anderen längst fertig sind, haben sie genug Zeit, uns akribisch zu beobachten. Wir haben das Gefühl: Je mehr wir essen, desto voller wird der Teller. Alles schmeckt großartig, aber irgendwann, wir platzen fast, wenden wir ein, dass wir nicht mehr können. Ab diesem Zeitpunkt sollten wir noch einmal genauso viel essen. Denn während der Papa unbeirrt weiter serviert, bringt Yared auch noch einen Schokokuchen. Nach über einer Stunde, mein erster Hosenknopf liegt irgendwo tief in einer Sofaritze, räumt der Papa die noch gut gefüllten Teller ab, unter traurigen, fast enttäuschten Blicken.

Als wir am Nachmittag wieder im Hotel ankommen, schlafen wir bis zum nächsten Morgen durch. Abendbrot brauchen wir nicht mehr.

Wer schreibt hier?

Ich bin André, lebe seit 2022 in Kamerun und bin dein Anlaufpunkt für Reisen in Kamerun. Auf Wohinnoch? erkunde ich mit euch die Welt, schreibe Erfahrungen nieder und gebe euch Reisetipps. Wenn diese Worte nicht meine letzten an dich sein sollen, kannst du meinen Blog abonnieren und mir auf Instagram folgen.

Reiseblog

Zum Reiseblog über mein Leben als Teil einer Familie in Kamerun.

Reisetipps

Planst du selber eine Reise nach Kamerun? Hier findest du alle Infos über Anreise, Aufenthalt und bekommst Kontakte und Tipps.

Wohinnoch? ist ein Reiseblog, in dem wir mit ausgiebig Zeit die weniger beachteten Orte dieser Welt besuchen.

Kommentar verfassen

Translate »

Entdecke mehr von wohinnoch?

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen