Ngondo in Douala – Ein Reisebericht über ein verpasstes Fest
Wie wir den Höhepunkt des Ngondo-Festivals verschliefen und was ich gerne vorher gewusst hätte.
Dezember in Kamerun ist eine Zeit der Feierlichkeiten. Neben Weihnachten und Neujahr feiern viele Kameruner auch ihre eigenen traditionellen Volksfeste. Ngondo heißt eines davon. Wir sind extra dafür nach Douala gereist und haben den Höhepunkt trotzdem verpasst. Wie es dazu kam und worum es beim Ngondo eigentlich geht, erzähle ich euch in diesem Blogeintrag.

Wie wir den Höhepunkt des Ngondo verpassten
Es ist Sonntag, acht Uhr morgens und am Ufer des Wouri schauen die Menschen gebannt aufs Wasser. Ein weiser Mann schwimmt in der Mitte des Flusses, holt noch einmal tief Luft und taucht für mehrere Minuten unter. Der Fluss wird ganz still. Ein zufälliger Passant, der in diesem Moment nichtsahnend über die große Brücke von Douala läuft, würde sich über die Menschenmenge wundern, die erwartungsvoll ins fließende Nichts starrt. Dann taucht der Weise wieder auf. Er setzt sich in seine Piroge und fährt zurück ans Ufer, um die Nachricht des Orakels, des Wassergeistes Jengu zu verkünden. Der Höhepunkt des Ngondo-Festes ist erreicht.

Schnitt. Derselbe Sonntag, dieselbe Uhrzeit. In einem Hotelzimmer in Douala liegen zwei Reisende dösend im Bett, während am Wouri-Fluss das Orakel befragt wird. Das sind wir: Flavy und André. Reiseprofis durch und durch. Wir sind extra für dieses Fest nach Douala gereist und verschlafen nun den entscheidenden Moment. Es ist, als würde man einen Berg besteigen und die Aussicht mit geschlossenen Augen genießen. Und doch ist es wahr. Wie konnte es dazu kommen?

Erste Hürde: Die Organisation des Ngondo
Wenn man im Internet nach dem Ngondo-Festival sucht, findet man erstaunlich wenige Informationen. Dabei wurde das Fest letztes Jahr von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt. Doch schon in Yaoundé, wo wir leben, braucht es den Zufall, um etwas darüber in Erfahrung zu bringen. Ich hatte die Hoffnung nach einem Besuch fast aufgegeben, da tauchte auf Instagram plötzlich ein verlockendes Angebot auf.

Der Anbieter Camer_tour bot einen Ausflug zum Ngondo an, genauer gesagt zum Ruderwettbewerb am Sonntag. Bei diesem paddeln Männergruppen aus verschiedenen Dörfern auf Pirogen um die Wette. Erleichtert, doch noch eine Möglichkeit gefunden zu haben, buche ich die Tour, dazu Zugtickets und Unterkunft in Douala. Der Plan steht schnell fest: Zugfahrt am Freitag, Stadtrundgang am Samstag, Ngondo am Sonntag. Startzeit: 11:30 Uhr. Genau da liegt das Problem.
Der Sonntag am Wouri – zu spät gestartet
Es ist Sonntag, 11:30 Uhr, als wir am Ufer des Wouri ankommen. Hier herrscht bereits rege Bewegung. Frauen mit grünen Kränzen im Haar und in Kaba-Ngondo-Kleidern wirbeln umher und treffen letzte Vorbereitungen. Der Rauch von Holzkohle, der die ersten Fische bräunt, steigt mir in die Nase, Bierflaschen klirren beim Verladen in die Eisboxen und ständig schauen die Menschen auf das gegenüberliegende Ufer, wo in wenigen Momenten der Ruderwettbewerb startet.

Wir finden unsere Reisegruppe in einem Restaurant, wo noch gemütlich Bier getrunken wird. Wir werden skeptisch. Immer mehr Schaulustige fahren bereits mit Booten hinaus, um das Rennen aus der Nähe zu verfolgen. Dann endlich werden auch wir zu den Booten gerufen. Doch es ist zu spät. Während bei uns noch das Boarding läuft, kreischt und grölt es bereits aus allen Richtungen. Motoren heulen auf, Wasser peitscht, alles hastet den Ruderern hinterher, die mit wuchtigen Stößen auf den Fluss hinausströmen. Nur wir, wir kleben ratlos am Ufer.

Kurz dabei: Der Ruderwettbewerb
Da endlich setzt sich auch unser Motorboot in Bewegung und wir bekommen einen Blick auf die Szene. Es ist surreal: Auf mehreren Pirogen sitzen jeweils rund vierzig junge Männer und stechen rhythmisch mit paddelartigen Stichwaffen ins Wasser. Der lange Einbaum darunter ist fast unsichtbar. Es wirkt, als würden die Sportler allein durch das Paddeln über dem Wasserspiegel schweben. Nur die Bugspitzen ragen hervor, geschmückt mit Wassergeistern, Fabelwesen und Insignien. Ein Animator koordiniert das Team wie ein Dirigent mit Raffia-Zweigen, in den nach vorne gezogenen Gesichtern der Ruderer liegt högschte Konzentration.

Um uns herum herrscht reges Treiben: Dutzende Boote mit Schaulustigen konkurrieren um die beste Sicht. Mal werden wir von einem anderen Boot gerammt, und nass gespritzt, dann wiederum werden uns Bierflaschen zur Versöhnung gereicht. Nach kaum zehn Minuten ist alles vorbei. So schnell, dass ich bis heute nicht weiß, wer gewonnen hat. Noch sehen wir, wie die Sportler schweißgebadet ins Wasser springen und zur Siegerehrung eilen. Doch wenig später drehen wir um. Und da ist dieses ungute Gefühl: Fehlt da nicht noch etwas? Der Teil mit dem Weisen, dem Orakel, dem eigentlichen Kern des Ngondo?

Die späte Erkenntnis
Der Moment der Wahrheit ist gekommen. Wir haben uns so sehr auf unseren Touranbieter verlassen, dass wir nicht bedacht haben, dass das Ruderrennen nur ein kleiner Teil des Ngondo-Festes ist und zugleich der letzte. Es ist, als würde man auf einer Party erscheinen, auf der die Gäste bereits auf ihren Stühlen eingeschlafen sind oder betrunken im Hofgraben liegen. Kurz gesagt: Das Ngondo ist vorbei, bevor es für uns überhaupt begonnen hat. Wir sind niedergeschlagen.

Was ich vor dem Ngondo gerne gewusst hätte
Damit dir nicht das Gleiche passiert, hier ein paar Dinge, die ich vor dem Besuch des Ngondo gerne gewusst hätte:
- Ngondo dauert eine Woche. Der Höhepunkt ist immer der erste Sonntag im Dezember, dann sollte man in Douala sein.
- Freitag und Samstag sind Teil des Fests. Es gibt Umzüge und Feiern, etwa rund um den Kulturpalast der Sawa in Bonanjo.
- Der Sonntag folgt dem Wasser, nicht der Uhr. Flut und Ebbe bestimmen den Ablauf. Wer früh am Wouri-Aquapark ist, verpasst die wichtigen Zeremonien wie das Orakel, Ringkämpfe und Ruderwettbewerb nicht.
- Am besten mit Sawa unterwegs sein. Andere Kameruner wissen oft genauso wenig wie man selbst über das Fest.

Was vom Sonntag blieb
Retten ist ein großes Wort. Doch ganz leer gingen wir an diesem Sonntag nicht aus. Als Entschädigung bot uns Camer_tour noch einen Abstecher nach Jebalé im Wouri-Delta an, der Heimat von Kylian Mbappés Familie. Mehr als diesen Fun Fact hatte die Insel für uns jedoch nicht zu bieten.

Nachdem wir uns schließlich von unserem Touranbieter befreit hatten, gingen wir zu den Pavillons auf der anderen Uferseite, dorthin, wo am Morgen die Zeremonie stattgefunden hatte. Obwohl der Abbau bereits begonnen hatte, setzten wir uns noch einmal in die Essensmeile. Eine liebevolle Köchin gesellte sich zu uns und sagte: „Jetzt bin ich alt. Aber früher, als ich so jung war wie ihr, habe ich jedes Jahr Ngondo gefeiert und tagelang getanzt.“ Flavy und ich schauen uns bittersüß an. Wir wissen: Das war nicht unser letztes Ngondo.

Wer schreibt hier?
Ich bin André, lebe seit 2022 in Kamerun und bin dein Anlaufpunkt für Reisen in Kamerun. Auf Wohinnoch? erkunde ich mit euch die Welt, schreibe Erfahrungen nieder und gebe euch Reisetipps. Wenn diese Worte nicht meine letzten an dich sein sollen, kannst du meinen Blog abonnieren und mir auf Instagram folgen.













