Europa,  Griechenland

Athen Reisebericht – Chaos, Charme und Menschlichkeit

„Der Verkehr Athens ist eine Katastrophe. Das ist kein Scherz, sondern eine Warnung“ raunt der junge Hotelmitarbeiter Nikolas, den wir im Bus zu unserer Unterkunft treffen. Die steilen Anstiege, engen Gassen und abrupt endenden Bürgersteige bringen die Athener nicht nur ins Schwitzen, sondern regelmäßig ins Krankenhaus. Denkmalschutz geht über Normierung. Doch das, ergänzt Nikolas, soll uns nicht davor abschrecken, die griechische Hauptstadt zu erkunden. Vier Tage haben wir dafür. Zeit für einen Spaziergang durchs Warngebiet!

Ankunft im grauen Häusermeer

Wir erreichen Athen mit der Fähre. Wie du in den vorigen Einträgen lesen konntest, verbrachten wir anderthalb Wochen auf Naxos und Amorgos. Nach Strand und Natur kommt nun das Kontrastprogramm. Aus der Ferne sehen wir, wie eingezwängt die Häuserblocks zwischen den Hügeln und dem Mittelmeer liegen. Wir kommen näher, bis wir schließlich selbst Teil des Problems namens Großstadtalltag werden. Am Hafen von Piräus wechseln wir in die Metro, ein laut kreischendes Metallmonster, und dann in einen Bus mit Stromabnehmern. Nach insgesamt 16 Stunden öffnen wir die Tür zu unserer Unterkunft in Vyronas.

Ausblick von der Unterkunft

Geschichte unseres Viertels Vyronas

Unsere AirBnB-Wohnung ist winzig, aber mit toller Aussicht aus dem siebten Stock. Mir fällt auf: Es gibt keine Wolkenkratzer, nur in ihrer Unförmigkeit uniforme Apartmenthäuser. Ihre Entstehungsgeschichte ist spannend.

Nach der Katastrofi, dem Verlust der griechischen Gebiete Kleinasiens an die Türkei im Jahr 1922, wanderten 1,5 Millionen Flüchtlinge ins griechische Kernland, vor allem nach Athen. Es entstanden hölzerne Baracken, die Bevölkerung verdoppelte sich über Nacht.

In den 1950er Jahren begann in Athen dann der große Bauboom. Aus Barackenvierteln wurden Betonstädte. Wer sein Grundstück einem Bauunternehmer überließ, bekam als Gegenleistung eine Wohnung im neuen Mehrfamilienhaus. Kaum jemand lehnte ab. So entstanden die typischen, grauen Polykatoikies, die Athen bis heute prägen. Nach diesem Exkurs wollen wir uns die „Betonwüste“ von innen erkunden. Zeit für den ersten Spaziergang.

Die nicht so schönen Erfahrungen

Nikolas Warnung wurde uns sofort ins Gedächtnis gerufen. Der Bus zum Barviertel Pangrati wirft uns auf der Hälfte der Strecke raus. „Endstation!“ Und jetzt? „Laufen oder fliegen!“ seufzt ein Fahrgast. Zu Fuß traben wir die Hügel auf und ab. Wir schwitzen. Eine rote Ampel ist uns eine willkommene fünf-minütige Verschnaufpause. Neben uns steht ein Soldat, bewaffnet mit einem Feuerlöscher, vielleicht um unseren rotglühenden Köpfen nach dem Anstieg eine Abkühlung zu verschaffen.

Pflichtbesuch Akropolis

Wir erwischen Athen zum richtigen Zeitpunkt: Dieses Wochenende stehen die Europäischen Tage des Weltkulturerbes an. Am Wochenende sind daher alle öffentlichen Museen kostenlos. Die Akropolis inklusive. Um Schlangen zu vermeiden, stellen wir unseren Wecker auf „zu früh“ und erreichen den Ticketschalter um 8 Uhr morgens. Die Belohnung? Eine 200 Meter lange Schlange an ebenso interessierten Kulturliebhabern, die, wie soll es anders sein, einen Hügel hinaufführt.

Der Andrang überwältigt uns. Uns ist klar, dass die Akropolis zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten weltweit zählt. Doch wir dachten, dass es außerhalb der Hochsaison ruhiger zugeht. Tut es bestimmt auch. Nur ruhiger heißt nicht gleich ruhig. Es hilft nichts: Augen auf und durch, hier wurde schließlich Weltgeschichte geschrieben!

Nach nur zwanzig Minuten erreichen wir den Ticketschalter. Wir drücken uns wie in einer Nudelpresse durch die Sicherheitskontrolle und quetschen uns dann in Spaghetti-Formation, das heißt in langen Schlangen, über das Gelände. Jedes Mal, dass wir innehalten wollen, drückt es schon wieder von hinten. Manche Aufseher schreien die Touristen sogar an. Fehlt nur noch die Peitsche und man könnte hier eine Doku drehen. So lässt sich kein Wunder der Welt genießen. Sehnsüchtig denke ich an den Jupiter-Tempel im Libanon zurück, der nicht doppelt so hoch, sondern auch menschenleer war.  

Theater des Dionysos

Die wichtigsten Gebäude – Parthenon, Theater des Dionysos und Tempel der Athena Nike – erwähne ich hier nur aus Gründen der Suchmaschinenoptimierung. Ehrlich: Wir waren froh, dass wir keine 30 € Eintritt gezahlt haben!

Die schönen Erfahrungen

Bisher klingt unser Aufenthalt nach einem Reinfall. Doch dem ist nicht so. Hier die schönen Erfahrungen!

Essen: Immer eine gute Erfahrung!

Plötzlich allein mit der Akropolis

Da wäre zum einem der Philopappos-Hügel. Nur wenige Gehminuten reichen, um die weniger lauffreudigen Besucher abzuschütteln. Unser Kardio-Training der letzten Tage zahlt sich nun aus. Nach einem kurzen Anstieg können wir die Akropolis aus der Ferne beobachten. Wie auf einem Podium thronen die Tempel über der Stadt. Erkenntnis des Tages: Lieber auf das schöne Haus schauen, als darin leben.

Aussicht vom Philopappos-Hügel

Flavys Jubiläum in antiken Technikmuseum

Dann wäre da das antike Technikmuseum, welches uns von Freunden empfohlen wurde. Hier kann man sich die etlichen Erfindungen der Antike nicht nur anschauen, sondern dank der engagierten Mitarbeiter auch selbst ausprobieren. Zum Beispiel den ersten vollautomatischen Trinkautomaten. In diesen Krug wirft man eine Münze, deren Gewicht einen Hebel aktiviert, der so lange eine Luke öffnet und Wasser in ein Glas fließen lässt, bis die Münze durch die Schwerkraft von der Waage fällt.

Ein Kriegsschiff

Oder der Wasserwecker des Plato. Ein Krug lässt Wasser langsam in einen zweiten tropfen, bis der steigende Pegel Luft durch eine Pfeife presst, hier nahm das Übel des frühen Aufstehens seinen Lauf. Am Ende bescheren uns die Mitarbeiter sogar noch eine Überraschung: Flavy ist die erste Kamerunerin die dieses Museum besucht!

Tränen beim Spendenlauf gegen Brustkrebs

An einem anderen Tag kommen wir zufällig am Zielort eines Spendenlaufs gegen Brustkrebs vorbei. Die Aktion findet am Kongresszentrum Zappeion statt. Angezogen werden wir von riesigen Seifenblasen, die ein Hobbyangler mit mürrischem Blick zur Begeisterung der Kinder aufsteigen lässt. Doch nur wenig später wandelt sich unsere Freude in trauerndes Mitgefühl.

Auf der Bühne läuft der Song „I run for life“ von Melissa Etheridge und auf einmal liegen sich die Menschen um uns herum mit feuchten Augen in den Armen. Jeder hat einen lieben Mitmenschen an Krebs verloren. Auch wir können unsere Tränen nicht zurückhalten.

Stadionbesuch ohne Ticket bei AEK Athens

Wenig später, beim Souvlaki-Essen, haben wir eine spontane Idee. Wieso fahren wir nicht zu einem Fußballspiel in dieser für ihre leidenschaftlichen Fans berühmten Stadt? Das nächste Match von AEK Athens beginnt in: 35 Minuten. Genau die Zeit, die wir zum Stadion benötigen. Hastig eilen wir zu Metro. Dass wir gar kein Ticket haben, ist unsere geringste Sorge. In der Metro nimmt uns ein Vater mit seiner Tochter an die Hand: „Ihr kriegt noch Tickets! Und wenn nicht, kommt ihr ab der 80. Minute kostenlos rein!“

Am Stadion

Die Ernüchterung folgt am Ticketschalter. Wir sind zu spät und kriegen keine Karten mehr. Also bleibt uns nur noch das Stadioncafé übrig, wo wir das Spiel mit vielen weiteren Fans am Bildschirm verfolgen.  In der 80. Minute werden wir dann ins Stadion gelassen. Unsere neue Lieblingsmannschaft, mit einem kamerunischen Nationalspieler in der Innenverteidigung, führt 1:0. Die nächsten Minuten saugen wir auf wie Süchtige, dabei passiert gar nichts mehr. Nach Spielschluss kompensieren wir unsere Verspätung und verlassen als letzte das Stadion.

Fazit: Es sind die Menschen

Die schönsten Erfahrungen waren die menschlichen Begegnungen in Athen. Die Menschen waren sehr freundlich, offen und warm. Dazu historisch bewandert und ironisch mit einem süßen Fatalismus ausgestattet.  Mit Nikolas kamen wir ins Gespräch, weil er uns dabei half, die vielen Koffer im Bus festzuhalten. Ein Basketballlehrer Hermann sprach uns in einer Taverne auf meine Vintage-Kamera an. Wenig später saßen wir an seinem Tisch und teilten einen Wein. Und auf dem Spendenlauf brachten die Umarmungen und Tränen der Teilnehmer uns ebenso zum Weinen.

Ich habe oft gehört, Athen sei gut zum Reisen, aber nicht zum Leben. Und ich verstehe, dass das Leben hier, allein aufgrund des Verkehrs, nicht immer angenehm ist. Doch ich drehe die Behauptung mal um: Immer, wenn wir Athen wie klassische Touristen bereist haben, waren wir enttäuscht. Wenn wir jedoch ins Leben eintauchten, war es super! Vielleicht schockiert uns der dichte Stadttrubel einfach nicht mehr. Schließlich geht es nun zurück nach Kamerun, wo die Straßen auch nicht DIN-genormt sind. Lässt sich trotzdem aushalten!

Wer schreibt hier?

Ich bin André, lebe seit 2022 in Kamerun und bin dein Anlaufpunkt für Reisen in Kamerun. Auf Wohinnoch? erkunde ich mit euch die Welt, schreibe Erfahrungen nieder und gebe euch Reisetipps. Wenn diese Worte nicht meine letzten an dich sein sollen, kannst du meinen Blog abonnieren und mir auf Instagram folgen.

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