Europa,  Griechenland

Amorgos Reisebericht – Yoga, Meer und ein sterbendes Kloster

Wir erreichen die Insel bei Morgendämmerung. Eine langgezogene Bergkette liegt vor uns im Schatten, während das Meer schon unsere müden Augen blendet. Wir docken an. Unsere Fähre ruht im Hafen wie ein zu groß geratenes Ausstellungsstück, ein letztes Relikt des großen, windigen Naxos, das nun hinter uns liegt. Vor uns: ein tiefer Atemzug, Amorgos.

Ich versuche, diesen Bericht ohne die üblichen Wörter zu schreiben: kein Weiß, kein Blau, kein Sonnenuntergang. Denn auch wenn es das alles reichlich gibt, bleibt mir Amorgos eher als eine Insel in Erinnerung, die die ganze Aufmerksamkeit gar nicht will.

Aegiali – unser neues Zuhause

Aegiali liegt in einer vom Wellengang geschützten Bucht. Die Stimmung: verschlafen, barfuß, Speisekarten mit veganer Option. In der familiengeführten Pension Askas kommen wir für fünf Nächte unter. Wir fühlen uns wie ein Teil einer schönen Postkarte: vorne das Meer, hinten die Berge. Dazwischen wir.

Wir starten unsere Tage meist mit einer geführten Yoga-Einheit, essen gemächlich Frühstück und fühlen uns dann voll und ganz bereit für ein Nickerchen. Am Nachmittag zieht es uns an eine der zahllosen sandigen Uferpromenaden. Für eine To-Do-Liste gibt es auf der Insel glücklicherweise nicht genug zu unternehmen. Ein paar Sachen fallen uns dann aber doch ein.

Unterwegs auf Amorgos

Mit einem kleinen Mietwagen erkunden wir die wenigen Sehenswürdigkeiten von Amorgos. Die Nord-Süd-Straße, einst ein Hirtenpfad, verbindet in einer Stunde fast jeden Winkel der Insel.
Einer davon: das halb versunkene Schiffswrack, bekannt aus dem französischen Taucherfilm The Big Blue, der Amorgos in den Achtzigern seine ersten Touristen bescherte. Jedes Jahr versinkt das Schiff etwas weiter im Meer, bis es bald vollständig abgetaucht sein wird.

Mittag essen wir in den Ortschaften, die wie Schäfchen in den Bergmulden schlummern. Aus ihren Tavernen und Cafés klingt Akustikmusik in die leeren Gassen. In Chora setzen wir uns ins schattige Jazzmin, wo Bücher und Brettspiele aus aller Welt liegen. Wer zu erschöpft für eine Partie Schach ist, lässt den Blick einfach über die alten Windmühlen bis zur Küste wandern.

Apropos Wandern: An einem anderen Tag tauschen wir das Auto gegen robustes Schuhwerk und folgen dem Melania-Pfad, einer sieben Kilometer langen Wanderroute von Aegiali hinauf auf den dahinterliegenden Bergkamm. Unterwegs liegen zwei pastellige Ortschaften: Langada und Tholaria.

Die nach draußen gestellten Stühle und Tische laden zum Verzehr frischer Getränke und Speisen ein. Unsere Favoriten: saftiger Orangenkuchen, Ofenkartoffeln mit Thymian, Auberginen mit karamellisierten Zwiebeln. Auf dem Rückweg läuft uns ein Hirte hinterher, als hätte er noch nie in seinem Leben Touristen gesehen, vor allem nicht aus Kamerun.

Das Kloster Hozoviotissa

Das Beeindruckendste, was wir auf Amorgos sehen, ist das Kloster Hozoviotissa, ein tausend Jahre altes Bauwerk, wie ein Möwennest in den hohen Fels gehauen, tief unten glitzert das Meer. Der Geruch von Salzwasser mischt sich hier mit Weihrauch. Es ist eine Insel auf einer Insel.

Am Eingang ziehen wir uns die bereitgelegten langen Hosen über. Ob das die Alltagskleidung der Mönche ist? Selbst die ist mir zu eng! Mit eingezogenem Bauch steigen wir die schmalen Stufen hinauf, hinein in das Katholikon. Zwischen bunten Ikonen erzählt uns ein Mitarbeiter die Geschichte des Hauses.

Gegründet im 9. Jahrhundert von palästinischen Mönchen, überstand das Kloster Piratenüberfälle und Erdbeben. Paradoxerweise erlange das orthodoxe Kloster während der Herrschaft der Osmanen zu großer Blüte. Symbolisch dafür steht ein silberner Kronleuchter. Es ist wohl ein Geschenk des muslimischen Seefahrers Pavlo Chilot del Sembechino, der hier einst nach einem Schiffbruch Zuflucht fand. Aus Dankbarkeit brachte er bei seiner Rückkehr aus Spanien einen Kronleuchter in Form eines Turbans mit.

Im Empfangsraum nehmen wir auf einem roten Sofa Platz. Ein Mönch serviert Wasser, Raki und Lokum, diese zuckrige Masse, die man mal turkish und mal greek delight nennt. Über uns hängen Fotografien der bärtigen Vorgänger des Bruders, einst waren sie hundert, heute sind nur noch zwei übrig.

Die Geschichte des Klosters ist eng verwoben mit der der Insel: Als ein Tsunami 1956 die Küste traf, wurden ganze Dörfer verwüstet und Süßwasserquellen versiegten. Die Insel wurde noch trockener. Und auch das Kloster erlitt große Schäden. Zum Glück wurden sowohl die Dörfer, als auch das Kloster wiederhergestellt. Doch die Zukunft des Klosters ist unklar: Die beiden Mönche sind über siebzig, Nachfolger sind keine in Sicht. Vielleicht, weil das Jobprofil wegen uns Touristen inzwischen zehn Jahre Berufserfahrung in der Gastronomie voraussetzt.

Bye, Amorgos

Den Rest der Zeit verbringen wir in der Horizontalen. Atmend auf der Yogamatte, schwebend im salzigen Wasser, dösend unter einer Kiefer. Amorgos war für uns eine Pause von Terminen und Verpflichtungen, ein langsames Treiben im Rhythmus der Insel. Auch wenn Flavy weiterhin darüber staunt, wie ich trotz diesen Umständen, immer noch terminorientiert meinen Tag durchplane. „Wenn wir uns jetzt beeilen, können wir danach lange entspannen.“

Nun zieht es uns weiter: auf die Fähre und fünf Nächte Athen, bevor es zurück nach Kamerun geht. Stadtmärsche, Museen und, wenn alles gut läuft, ein Gleitschirmflug. Der Wind darf also wiederkommen. Aber nicht zu doll!

Wer schreibt hier?

Ich bin André, lebe seit 2022 in Kamerun und bin dein Anlaufpunkt für Reisen in Kamerun. Auf Wohinnoch? erkunde ich mit euch die Welt, schreibe Erfahrungen nieder und gebe euch Reisetipps. Wenn diese Worte nicht meine letzten an dich sein sollen, kannst du meinen Blog abonnieren und mir auf Instagram folgen.

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