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Ekstase beim Afrika Cup – Eindrücke aus Yaoundé

Während man in Europa argwöhnisch auf den Afrika Cup schaut („Die nehmen uns die Spieler weg!“), ist das Fußballturnier in Afrika ein Riesenevent, mit dem Potential ganze Landmassen zum Tanzen zu bringen. Das diesjährige Turnier in der Elfenbeinküste verfolge ich dabei aus Yaoundé. In diesem Blog-Eintrag nehme ich euch mit in eine Bar, in der ich zusammen mit meinem guten Freund Paul das alles entscheidene Vorrundernspiel gegen Gambia schauen werde. Eines ist klar: Ein Sieg muss her!

Anreise in eine Bar fürs entscheidene Spiel

Es ist Januar in Yaoundé – tagsüber knallt die Sonne auf die Erde und entzieht ihr diesen typischen roten Staub, der sich wie ein dichter Nebel in jeder Mauer- und Körperritze festsetzt. Der späte Nachmittag hingegen verleiht mir ein sommerliches Gefühl. Als ich in der Jet7-Bar in Biyem Assi ankomme, ist die Sonne bereits nicht mehr stark genug, um mich zu verbrennen und es tut gut ein Bier zu bestellen, während Paul und seine Freunde eintrudeln und wir uns gemeinsam auf das anstehende, alles entscheidene Spiel Kamerun gegen Gambia freuen.

Der Afrika Cup nimmt einen ähnlichen Stellenwert wie die Europameisterschaft in Deutschland ein. Die besten Spieler aller afrikanischen Länder versammeln sich und kämpfen um die heißbegehrte goldene Trophäe. Kamerun – bereits fünfmaliger Sieger – ist dabei eine der stolzesten, selbstbewusstesten Nationen. Nicht umsonst spricht hier jeder von Kamerun als Kontinent, der sich die Elfenbeinküste zur Ehefrau genommen hat. Doch dieses Jahr läuft es für die unbezähmbaren Löwen nicht rund. Nach zwei sieglosen Spielen stehen sie mit dem Rücken zur Wand, nur ein Sieg kann sie noch retten.

Langsam trudeln die Menschen ins Jet7. Noch schnell werden riesige Fahnen an Holzmäste gehämmert und alle Sitzflächen des Außenbereiches in Richtung Fernseher gedreht. Zwei junge Frauen in roten „33“ Trikots laufen von Tisch zu Tisch, um das gleichnamige Bier zu bewerben, welches der offizielle Partner der Nationalmannschaft ist. Sozusagen wie die Nutella der DFB-Elf. Als ich allerdings das leckerere „Kadji“ bestelle, gucken sie mich herausfordernd an. Ihr Blick will sagen: Warum lässt du uns im Stich? Trink doch „33“! Mittlerweile ist die Bar voll, die Stimmung jedoch zurückhaltend. Bei der Nationalhymne ist niemandem nach Mitsingen zumute. Dann geht das Spiel los.

Achterbahnfahrt der Emotionen: Das Spiel

Das Verhältnis der Kameruner zu ihrer Nationalmannschaft ist ambivalent. Verliert ihr Team, liegt die Schuld bei den langen, aufwendig gestylten Haaren der Spieler. Niemand setzt dann „ses organes“ aufs Spiel, das heißt, dass keiner seine Gesundheit für einen Grottenkick opfert. Gewinnen die Löwen, haben es alle gewusst, schwellt der Stolz bis in die Brust und sind alle Sorgen vergessen. Will sagen: Es ist wie eigentlich überall auf der Welt. So verlaufen auch die ersten Minuten des Spiels: Ein Verstolperer, ein Pass ins Aus und ein Schuss in den Ofen. Und schon lacht man aus Selbstschutz über das sich vor einem abspielende Theater. Zur Pause steht es 0:0 und mittlerweile ist auch das „33“ gut genug, um das Elend abzumildern. Die Promoter-Damen freut es. Doch das sollte es noch nicht gewesen sein…

Jetzt sollte das Spektakel beginnen. Als der Ball noch durchs Mittelfeld rollt, schreit mein Freund Paul „Tor! Tor! Tor!“ Das ist seine schlechte Angewohnheit, für die ich ihm schon seit langer Zeit die Freundschaft kündigen wollte. Mittlerweile habe ich mich aber daran gewöhnt, dass der Überraschungsmoment des Tores durch schnelle Handy-Ticker einfach ein paar Sekunden nach vorne verlagert wird. Wenig später sehen wir das wenige überraschende 1:0 für die Kameruner. Die Vuvuzelas dröhnen, die Pfeifen trällern und beim Blick auf die Tabelle ist klar: Das reicht. Doch 5 Minuten vor Schluss passiert das Unfassbare: Gambia schießt zwei Tore und wir alle versinken so tief es nur geht in unsere Sofanischen. Das war es wohl. Der Sarkasmus ist zurück: Oh diese verfluchten langen Hippie-Haare! Noch ein „33“! Das kriegen wir in den letzten 5 Spielminuten auch noch leer.

Das Wunder und kein Maradona

Dann passiert das, mit dem keiner gerechnet hat. Innerhalb von drei Minuten dreht Kamerun das Spiel noch einmal auf 3:2 und die Bar steht auf dem Kopf. Menschen reißen sich die Trikots vom Leibe, tanzen und schreien sich die unverhoffte Freude aus der Seele. Doch auf einmal, Sie haben es geahnt, lieber Leser, in der letzten Aktion kommen die Gambier, dieser kleine Kanonenschussbreite Enklavenstaat, der sich anmaßt Kamerun so in die Parade zu fahren, noch zum Ausgleich. Schlagartig ist es leiser als in der Bibliothek eines Friedhofs. Selbst den Promoterinnen ist jetzt, beim Stand von 3:3 ihr „33“ peinlich.

Aus die Maus? Nö! Denn das Tor war eines im Stile Maradonas - mit der Hand! Der Gambier Hexer Sanneh mit der Rückennummer 21 stieg hoch in die Luft, konnte den Ball aber nur mit seiner Hand erreichen und drückte den mit ebendieser über die Torlinie. Videobeweis sei Dank wird das Tor also aberkannt und ebenso der Schlusspfiff verkündet. Das Spiel ist aus, Kamerun hat gewonnen und steht im Achtelfinale des Afrika-Cups. Was für eine Achterbahnfahrt der Gefühle! Und wenn es vorher schon wild zu sich ging, brechen jetzt alle Dämme. Der DJ sorgt für Musik („On a gagné!“) und die Menschen liegen sich in den Armen, tanzen Mbollé, schwenken Fahnen. Eine Gruppe kleiner Jungs, die alle barbrüstig vor sich ihr Kamerun-Trikot schwenken, rennt von Bar zu Bar und bildet vor unserer eine verrückte Jubeltraube, die nur noch von den Sicherheitskräften vom Stürmen der Bar abgehalten werden kann.

Um mit den Klischees aufzuräumen: Genauso wie wir bestimmt eine Stunde tanzen, sitzen hier gleichermaßen Menschen, die seelenruhig ihr gegrilltes Hühnchen verspeisen oder auf ihren Handys herumscrollen. Der Grillmeister, der hinter dem Fernseher seine Fische räuchert, dürfte sich noch nie so geschmeichelt gefühlt haben, wie in dem Moment, als alle in seiner Richtung jubelten. Was für ein Ansporn, die Zwiebeln auch ja nicht zu kurz zu rösten! Nur als ich zum Tanzen in die Mitte gerufen werde, schrecken sie alle kurz hoch, jubeln mir zu und filmen die Szene . Als Dank wird mir danach von der Bar sogar ein Freibier ausgegeben, für den „besten Tänzer des Abends“. Selten hat sich ein Trostpreis schöner angefühlt.

Heimkehr und verspätete Ernüchterung

Als ich Spätabends mit dem Taxi nach Hause fahre, ist von den Feierlichkeiten in der Stadt schon weniger zu sehen. Die Leute gehen ihres ganz gewöhnlichen Weges, auf den Straßen wird weder getanzt noch wird der morgige Tag spontan als Feiertag deklariert. Es war einfach ein besonderer Moment an einem besonderen Ort und ich hatte das Glück dabei sein zu dürfen. Es war der Einzige auf weite Sicht. Wenige Tage später sollte Kamerun still und leise gegen das mächtigere Nigeria ausscheiden, ohne auch nur einmal aufs Tor geschossen zu haben.

Noch nicht genug?

Ich bin André und lebe seit 2022 in Kamerun. Jeden Sonntag schreibe ich auf meinem Blog über meine Reisen und mein Leben im „Afrika in Miniatur“. Wenn du mehr erfahren willst, dann schau doch gerne hier auf meinen unterschiedlichen Reise-Seiten vorbei:

Libanon

Meine Libanon-Reise zu römischen Tempeln, weiten Stränden und verschneiten Skigebieten!

Kamerun

Seit April 2022 lebe ich in Kamerun und bin seitdem immer wieder von seinem touristischen Potential überrascht!

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Wohinnoch? ist ein Reiseblog, in dem wir mit ausgiebig Zeit die weniger beachteten Orte dieser Welt besuchen.

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