Indikatives Zeitverständnis Teil 2: Die Hochzeit
Eine Hochzeit ist der wohl größte Anlass für eine groß angelegte Feier in Kamerun. So auch bei meiner Kollegin und ihrem Bald-Ehemann. Während die Festivitäten schon vor einer Woche mit der traditionellen Übergabe von Geschenken und der Braut vollzogen wurden, standen heute die drei folgenden Punkte auf dem Tagesprogramm: Vermählung im Bürgeramt, Vermählung in der Kirche und Feier am Abend.



Der Termin im Bürgeramt ging fast pünktlich eine Stunde nach Programmplan los. Große Unterschiede zu einer deutschen standesamtliche Trauung konnte ich, bis auf die Geräuschekulisse, nicht ausmachen. Tiefpunkt war die arg patriarchische und auch noch langwierige Rede des Standesamtlers, der in monotonem Gebrabbel nicht häufig genug betonen konnte, welche dem Manne untergeordneten Aufgaben die Frau hat. Die moderner eingestellten Angehörigen, vor allem die Braut, gestanden mir daraufhin, dass sie nur so auf das Ende der Rede warteten. Als dann aber der Ehevertrag unterschrieben wurde, war die Erleichterung allerorts zu spüren. Ausgelassen und von den acht Brautjungfern umrahmt, stolzierte das Paar auf den Hof des Amtes, wo Trommler mächtig Stimmung machten.



Es folgte ein Buffet mit Tango (sowas wie Radler) neben der Kirche und eine angedachte Ruhepause. Die Ruhepause wäre lang und ruhig gewesen, hätte ich einfach ein Taxi in meine Unterkunft genommen. Doch ich war auf die Zeitgestaltung des Ehemanns meiner Chefin angewiesen, der noch beim Aufräumen mithalf. Wir fuhren zum Glück noch vor der eigentlichen Treffpunktszeit an der Kirche vom selbigen Ort ab. Als wir zuhause ankamen, war es schon fast wieder Zeit zu gehen, wenn man überhaupt jemals das Ziel gehabt hätte pünktlich zu sein.




Was ich interessant fand war, dass meine Chefin, die selber nicht mit einem ausgebrägten Sinn für Pünktlichkeit gesegnet wurde, ihren Ehemann minütlich anrief und ihn mit Verweis auf unsere Verspätung zur Schnecke machte. Er, wiederum, verwies auf die vielen Staus, die eine pünktliche Anreise unmöglich gemacht hätten, dabei waren die Straßen wesentlicher leerer als gestern. Als wir dann nach viel zu kurzer Pause und natürlich verspätet in der Kirche ankamen, hatten wir noch nichts verpasst. Schließlich sollte sich auch der Pfarrer um zwei Stunden verspäten. Sein Grund: „Embouteillages“.
Bis auf mich und Teile meiner Expat-Crew waren alle Besucher und selbstverständlich auch das Hochzeitspaar in einem neuen Gewand unterwegs. Als die heutigen Hauptdarsteller getrennt voneinander und mit elterlicher Begleitung den Innenraum betraten, gab es auch das lange Hochzeitskleid zu bestaunen, das im Verlauf der Vermählung einige Male als Stolperfalle für zufällige Passanten draußen auf der Strasse fungierte.



Im linken Seitenschiff begleiteten Trommler und passionnierte Sängerinnen die Zeremonie. Es folgten Gebete und Spendenaufrufe, alles ermöglicht durch an den Holzstützen hängenden und leise vor sich hinsummenden Ventilatoren. Auch hier wurde wieder ein Vertrag à la „Please sign here for eternal happinness“ unterzeichnet, getanzt, umarmt (Publikum) und geküsst (Brautpaar). Nach zwei Stunden des Himmelhoch Jauchzens wurde es langsam Zeit für die nächste Pause und natürlich für neue Outfits.



Leider hatte ich für den ganzen Tag nur eines parat – einen hier maßgeschneiderten Anzug, den meine Mitbewohnerin mit den Worten „Na den kannst du wirklich nur in Kamerun anziehen“ bewertete. Ich fand den Pilotenstil frei nach „Catch me if you can“ richtig schick…aber moment, habe ich gerade ernsthaft eine Filmanspielung gemacht? Ich erkenne mich nicht wieder.



Ich erkenne mich nicht wieder…selbes galt, als ich wieder einmal komplett fertig mit den Nerven meine Chefin und ihren Mann ansah, voller Panik zu spät zu der Abendveranstaltung zu kommen und meinen Gitarrenauftritt zu verpassen. Ihr merkt schon, da steckt was ganz tief in mir drin, was sich gegen Verspätungen aller Art streubt. Um mein Fremdeln mit dem hiesigen Zeitmanagement zu verarbeiten, hat mein Therapeut mir empfohlen folgende Melodei zu kredenzen:
Doch auch wenn es innerlich gewaltig brodelt, nach Außen kriege ich meist kein böses Wort raus. Und wenn dann nur so ein passiv-agressives, anstatt eines aufrichtig, ehrlichen Wortes. Eine Attitüde, die ich so in Deutschland gelernt habe, da Zorn und laute Aufregung bei uns eher negative Auswirkungen auf das eigene Schicksal bewirken, als wirlich zu helfen.
In Kamerun ist man da deutlich weniger verkrampft: Kritik und Lob werden frei heraus geäußert. Die meisten Menschen müssen tagtäglich um ihre Rechte kämpfen, sei es bei der Beachtung im Amt oder bei der Polizeikontrolle. Geschenk wird einem nichts. Und so haben die Leute gelernt direkt, fordernd und offensiv zu kommunizieren. Wer das nicht tut, der bezahlt zu viel, wartet zu lange und schlicht: den beachtet man einfach nicht.
Natürlich kamen wir, trotz drei stündiger Verspätung, mehr als pünktlich an; das Ehepaar war noch nicht einmal im halbvollen Saal aufzufinden. Genug Zeit also meine Gitarre aufzubauen (muss das Loch da in der Mitte?) und mit den seit zwei Stunden wartenden Expats Erfahrungswerte auszutauschen.

Die Feier wurde von dem nationalen Slamchampion Rodrigue Ndzana, an den Stimmbändern und mir, an den Pferdehaaren gegen 23 Uhr eröffnet. Problem dabei: Wir konnten aus Zeitgründen nur ein Lied spielen und ich hörte mich aufgrund nicht funktionierender Monitore selbst nicht, spielte also irgendwas ohne zu wissen, was aus den Boxen kam.


Nicht so schlimm, dachte ich mir, schließlich solllte es dann ja noch den lange geplanten Auftritt mit der Braut höchspersönlich geben. Doch leider entschied ihr Vater, ein Edeltechniker an der Gitarre, der sich ein eigenes, zehnsaitiges Exemplar gebaut hat, spontan, dass nicht ich, sondern er seine Tochter begleiten wird. Ich konnt’s verstehen, traurig war ich dennoch.


Die Veranstaltung war geprägt von sehr viel Programm. Um Mitternacht gab es Essen, dazu wahlweise Bier, Wein, Jack Daniels oder Eiswürfel. Schön war, dass es, was das Miteinander angeht, keine starke Trennung zwischen den Generationen gibt. Man tanzt, trinkt, feiert zusammen mit Großeltern, Kommilitonen und Kleinkindern, ohne unpassend zu wirken.
Das Programm ging weiter. Die Jazzband, mitsamt dem genialen Schlagzeuger, der Bruder der Braut, war atemberaubend, der Luftkaratekämpfer mit seinen reflexartigen Ausrufen zum Wegwerfen komisch und die Torte höher als lecker. Später wurden noch einige mehr oder minder verborgene Talente bei einem Tanzwettbewerb an die Oberfläche getragen. Am witzigsten war jedoch ein Wettbewerb unter den Brautjungfern, die in „Stuhltanz“-Manie von dem Moderator vorgegebene Gegenstände aus dem Publikum besorgen mussten. Diejenige, die als Letzte mit diesem Gegenstand zurückkam, flog raus und es ging in die nächste Runde, bis nur noch eine übrigblieb. Meine Highlights: Socken, Perücken und natürlich Kondome. All die gewöhnungsbedürftigen Unterschiede hin oder her, an die Unverkrampftheit der Kameruner könnte ich mich gewöhnen.


Natürlich wurde viel getanzt und getrunken, doch bevor der Punkt eintraf, an dem die unerwarteten Sachen passieren („Hey schaut mal, ich kann auf dem Unterarm des Security Guys Blockflöte spielen“), mussten wir leider schon gehen. Schließlich fuhr unser Zug um 6:30 Morgens vom städtischen Hauptbahnhof ab und wir mussten noch unsere Koffer holen.


Bevor ich dann endlich die Augen schließen konnte hatte ich noch eine Aufgabe: Es war das Kind des Bräutigams aus erster Ehe, welches er uns für die Rückreise anvertraut hatte. Solch ein Vertrauen in uns für die Aufgabe die kleine Maus mit nach Yaoundé zu nehmen war bemerkenswert. Da ihre jungen Beinchen nicht mehr ganz wollten, kümmerte ich mich darum, dass die Kleine unbeschwert ankommt.
André



2 Comments
kklike
Der Schnitt vom Anzug ist Klasse, aber die Verzierung tatsächlich gewöhnungsbedürftig 😉
Das Lied ist ein bisschen leise.
Hast Du die kleine Maus adoptiert? Ich hätte nichts dagegen.
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