Kamerun zu Fuß: 2 Tage Trekking und Camping in den Manengouba-Bergen
„Ohje, wird das was mit der Wanderung?“ fragte ich mich, als in der Nacht zuvor ein heftiger Regenschauer auf unsere Dächer trommelte. Wir befanden uns im nördlichen Littoral Kameruns, am Rande der 2.500 Meter hohen vulkanischen Manengouba-Bergkette. Vor uns lag eine zweitägige Wanderung zu Kraterseen und Hirtendörfern. Ich schloss noch einmal die Augen und hoffte, dass der Regen vorbeiziehen würde.

Aufbruch mit wenig Gepäck
Am Morgen war die Luft rein und die Sonne versteckte sich hinter harmlosen Wolken – bestes Wanderwetter. Unser Marsch begann an der Villa Kleber-Collier, unserer Unterkunft, der der Regen letzte Nacht alle Dächer gereinigt hat. Wir waren zu viert: Mein Vater, Flavy, ich und unser Guide Alidou, kurz Ali. Er sollte uns in den nächsten zwei Tagen begleiten.

Ali war ein bescheidener, pragmatischer Mann. Er kannte die Strecke auswendig und ließ Taten sprechen: Zuverlässig würde er uns an unser Ziel führen, ohne einen Schluck Wasser, wie es im Ramadan üblich ist. Sein Freund Amidou fuhr uns voraus. Er übernahm die Logistik: Auf einem Motorrad brachte er Zelte und Verpflegung ins Zieldorf. Ohne ihn wären unsere Rucksäcke um ein Vielfaches schwerer gewesen.
Vom Vorort zum Anstieg
Bevor wir die Aussicht auf die Kraterseen genießen durften, lag noch ein gutes Stück Arbeit vor uns. Die ersten Kilometer führten durch die Vororte, vorbei an Ackerland mit Avocadobäumen, Bananenstauden und Kaffeesträuchern.

Am Straßenrand wurden gerade Pferde auf einen Laster getrieben. Preis: 900 Euro. Zu teuer, um jetzt noch eine Ausrede für die Wanderung zu finden. Stattdessen trieb uns Ali noch ein paar nützliche Gegenstände auf: Einen Bambusstock, sowie einen Bund Bananen – unsere Verpflegung für unterwegs – und wir waren bereit die Ortschaft hinter uns zu lassen.
Das Hirtenvolk der Mbororo
Nach zwei Stunden gelangten wir in ein Bergdorf. Eingebettet in sattgrüne Wiesen, die sich über steile, aber nie schroffe, Hügel zogen, begegneten uns zuerst Hühner, Schafe und Zebus. Doch wer lebt hier?

Die Mbororo sind ein Nomadenvolk, das seit Jahrhunderten mit seinen Viehherden zwischen den Savannen des Tschad und den Regenwäldern Kameruns zieht. Viele von ihnen haben sich inzwischen niedergelassen, wie auch die Bewohner dieses Dorfes.

Ali stellte uns der Dorfältesten vor, einer Frau, die über hundert Jahre alt war. Sie wirkte eher wie siebzig, der raue Bergwind hatte ihre Gesichtszüge geglättet. Dass das Leben hier oben der Gesundheit zu Gute kommt, möchte ich sofort glauben. Sie erzählte, dass in ihrer Kindheit, damals gab es hier noch keine Bäume, Franzosen oder Deutsche die Weiden nutzten. Wann genau ihre Familie sich hier niederließ, blieb unklar. Doch sie waren geblieben.

Nebenan, an der hölzernen École des Monts, war gerade Hofpause. Drei Jungen kletterten auf einen Baum, schaukelten an den Ästen und sangen Kinderlieder. Der Lehrer lehnte entspannt am Türrahmen und nickte uns zu. So eine Hofpause hätte ich damals auch gerne gehabt, doch ich traute mich nicht mal auf die Kletterspinne im Sandkasten.

Mittagspause an den Kraterseen
Wir waren noch lange nicht am Ziel und zogen weiter. Um zu den Zwillingsseen zu gelangen, mussten wir erst durch einen Märchenwald und dann über eine Gebirgskette steigen.
Der Wald hatte es mir besonders angetan: Verwachsene Baumstämme, sich windende Ranken, ein dichtes Blätterdach aus Tropenpflanzen. Das Sonnenlicht drang nur stellenweise durch, wurde von Pfützen reflektiert, alles leuchtete in grün-goldenem Schimmer. Wir mussten höllisch aufpassen…, zu spät: Ich rutschte aus und schlitterte ein paar Meter durch den Matsch.

Nachdem wir den Wald und den Bergkamm hinter uns gelassen hatten, standen wir auf der Schwelle zum Tal. Was für eine Aussicht! Vor allem, wenn man sich die Nebelwolke wegdenkt. Wenig später verzog sich der Dunst und wir sahen den weiten Kessel. In seiner Mitte: Die Kraterseen – unser nächstes Ziel.

Beim Abstieg tauchten wir in eine andere Welt ein. Vom urwaldigen Hang noch das ferne Kreischen von Affen im Ohr, standen wir nun in einer Landschaft, die aussah wie Schottland im Spätsommer. Überall Wiesen, Schafe und Seen, die vielleicht nicht nur Fische beherbergen.

Dann standen wir endlich vor ihnen: den Zwillings-Seen! Doch sie könnten unterschiedlicher kaum sein. Der eine leuchtete blau, war klar, einladend, man konnte darin baden. Der andere: grün, undurchsichtig, geheimnisvoll. Er wird für Rituale genutzt. Einer gilt als männlich, der andere als weiblich. Ratet mal, welcher welcher ist.

Am Ufer des blauen Sees machten wir Mittag, aßen Omelette-Sandwiches und sprangen ins klare, lauwarme Wasser. Sollten wir die FKK-Kultur wieder aufleben lassen? Flavy riet uns jedenfalls stark davon ab. Nicht nur, weil es auch noch in 2.500 Metern Höhe ein Tabubruch in Kamerun wäre, sondern weil über uns eine Drohne schwebte. Die einzige andere Wandergruppe des Tages hatte wohl nicht mit solch verstörenden Aufnahmen gerechnet. Während sie am selben Tag zurückkehren sollten (aus Schock?), stand für uns das eigentliche Spektakel erst bevor: eine Zeltübernachtung in einem Mbororo-Dorf.


Zelten unter Sternenhimmel
Der Weg zum Dorf war nicht mehr weit. Er führte uns durch eine neblige Pampa, wo wir auf eine verletzte Kuh stießen, sie war wohl gestürzt und hatte sich die Wirbelsäule gebrochen. Ein paar Hirten kamen hinzu und entschieden, das Tier vor Ort zu schlachten und abzutransportieren. Kurz darauf, wir waren schon ein paar Hundert Meter weiter, hörten wir bereits ein Motorrad heranrollen.

Wenige Schritte später tauchte das Dorf auf, ein Dutzend Holzhäuser am Rand eines Tals. Hier sollten wir heute übernachten. Wir waren am Ziel.

Amidou, unser Logistiker, war bereits da. Wir bauten unsere Zelte auf und richteten uns ein. Er stammt selbst aus diesem Dorf und ließ uns direkt spüren: Wir waren willkommen. Auch die anderen Menschen begrüßten uns so unaufgeregt, als wären wir nur eben eine Stunde weg gewesen.

Es war erst 16 Uhr, und die nächsten Stunden fühlten sich an wie eine lange Meditation. Das Licht wurde schwächer, doch wir wussten nie, ob das an der sinkenden Sonne lag, oder an der nächsten Nebelwolke.

In der Ferne blökten unzählige Schafe. So idyllisch, dass Top-Manager mit Burnout wohl ein Vermögen für ein paar Yogastunden an diesem Ort zahlen würden.

Langsam begannen die Bewohner ihre Rinderherden zusammenzutreiben. Auch Jungen, kaum zehn Jahre alt, halfen dabei, nonchalant klappsten sie den Rinder auf die Haxen und dirigierten ihre Herde mit fünfhundert Hufen in die Gatter.

Eine zarte Melodie ertönte von dem Hügel nebenan, ein alter Mann summte den Adhan, den muslimischen Gebetsruf. Wenig später: Stille. Kein Tiergeräusch mehr. Wir vernahmen nur noch das andächtige Murmeln der Gläubigen.

Danach servierten uns Ali und Amidou das Abendessen in einer der Hütten: dampfende Gemüsesuppe, Reis und Kochbananen mit Tomatensauce und sogar ein Ananasdessert. Auch Ali durfte nun ordentlich zuschlagen!

Nach dem Essen traten wir wieder hinaus. Es war mittlerweile stockduster und über uns spannte sich ein leuchtender Sternenhimmel. Mein Vater erklärte mir Sternbilder, die wir in Berlin selten zu Gesicht bekamen. Als ich ein Foto machen wollte, aktivierte ich aus Versehen die Selfiekamera. Ich sah grundzufrieden aus. Und erschöpft. Zeit, sich in die warmen Zelte zu legen.
Morgensonne und Abschied
Der Morgen stand dem Abend in nichts nach. Aufsteigende Nebelschwaden wurden vom tiefen, klaren Sonnenlicht durchbrochen. Die Rinder grasten bereits wieder, und die Sicht wurde mit jeder Minute besser. Ein sonniger Tag kündigte sich an.


Ein paar Jungs schnappten sich in dieser Morgenstimmung ein Seil und versuchten, ein Schaf zu umzingeln und zu fangen. Nach mehreren erfolglosen Versuchen, in denen das Schaf trickreich über improvisierte Stolperfallen hüpfte, bis das Schaf schließlich aus Erschöpfung nachgab. Kurz darauf verschwand es auf einem Motorrad Richtung Markt. Der Erlös von 60 Euro sollte in neue Kleidung für das bevorstehende Fest des Fastenbrechens fließen.

Zum Frühstück setzten wir uns vor unsere Zelte: Omelette, frisches Brot, Ananas. Kurz vor unserer Abreise kamen wir noch einmal mit den Menschen ins Gespräch. Sie erzählten uns, dass das Dorf seit etwa 70 Jahren bestehe. Ein Urgroßvater entdeckte diesen entlegenen Winkel. Seitdem ist das Dorf ständig gewachsen und zählt mittlerweile 200 Bewohner. Seit den 1980er-Jahren würden auch Touristen empfangen. Heute seien es rund 300 bis 400 Gäste im Jahr, also zwei bis drei kleine Gruppen pro Woche.


Den Wert dieses ruhigen Tourismus lernten wir auch noch auf andere Weise kennen: Schon als wir auf dem Rückweg waren, tauchte mitten auf dem Wanderweg ein Mann in Jacket, Fez und Joggingshose auf, aus seinem rosa Minecraft-Rucksack holte er Heft und Stift und bat uns um einen Eintrag ins Gästebuch. Für die Dokumentation. Mein Kommentar: Thank you for this wonderful visit and your warm hospitality.

Der Rückweg: Käse. Käse?
Der Rückweg führte uns entlang derselben Route, doch diesmal bot er uns klare Ausblicke auf die Landschaft, die am Vortag noch diesig war. Gegen 14 Uhr erreichten wir wieder unseren Ausgangsort. Doch der Tag war noch nicht ganz vorbei.

Ali führte uns zu einer lokalen Käserei. Der Inhaber, ein redseliger Mann, fabulierte von 40-Kilo-Lieferungen an den kamerunischen Präsidenten, nur um uns wenig später seine Mini-Produktionsstätte zu präsentieren. Gerade mal fünf Laibe lagen im Regal, offenbar war die Großlieferung gerade raus.

Sollte er ruhig prahlen, sein Penja-Pfeffer-Käse war wirklich köstlich! Und was gibt es Schöneres, als sich nach einer langen Wanderung auf eine Terrasse zu setzen und in einen Laib Käse zu beißen, gekrönt mit einem kalten Bier? Beim Essen ließen wir die vergangenen zwei Tage noch einmal Revue passieren.

Fazit
Die zwei Tage waren fordernd, aber nie grenzwertig. Und die Entschädigung? Volltreffer: Vom Regenwald bis zur Savannenlandschaft, vom Treiben am Startort bis zur Stille im Mbororo-Dorf – es war eine abwechslungsreiche Reise. Dazu hatten wir auch noch Glück: Unser Guide Ali war Spitzenklasse, und das Wetter spielte mit. In der Regenzeit wäre so eine Tour nur mit entsprechender Ausrüstung zu empfehlen. Künftigen Wanderern würde ich unbedingt eine Übernachtung im Mbororo-Dorf empfehlen, wenn möglich sogar zwei. Und wer weiß: Vielleicht bin ich dann ja auch wieder da. In Yoga-Pose. Nach meinem Burnout.

Wer schreibt hier?
Ich bin André, lebe seit 2022 in Kamerun und bin deine Anlaufstelle für Reisen in Kamerun. Auf Wohinnoch? erkunde ich mit dir die Welt, schreibe Erfahrungen nieder und gebe Reisetipps. Wenn diese Worte nicht meine letzten an dich sein sollen, kannst du meinen Blog abonnieren und mir auf Instagram folgen.




