Indien

Auf Kamelen durch die grüne Wüste

„Zurücklehnen!“
„Genau!“ denke ich mir. „Deswegen macht man Urlaub. Einfach mal zurücklehnen!“

Die hinteren Beine des Dromedars regen sich. Ich halte mich an einem kleinen Knauf fest. Mein Dromedar ist das älteste in der kleinen Gruppe und somit der Boss. Als alle anderen schon stehen, hebt es auch seine Vorderhufe. Aus einem kleinen Haufen Tier mit langem Hals wir auf einmal ein drei Meter hoher Überlebenskünstler. Mit langem Hals. Miguel aus Portugal, Danni aus Taiwan, Lucas aus Deutschland und ich haben jeweils ein Dromedar für unseren kleinen 2-Tagestrip durch die Thar-Wüste bekommen. Jene Wüste, die Indien von Pakistan trennt, jedoch nicht der einzige Grund für deren Distanz darstellt.

Unser Guide heißt “Malu“. Er arbeitet seit vielen Jahren im Safari-Business und sorgt dafür, dass wir nicht sterben. Nach einem gemeinsamen Frühstück auf einer von der Regenzeit begrünten Ebene, steigen wir auf die Kamele und reiten Richtung Wüste. Am Anfang soll ich die Laufrichtung der Gruppe vorgeben, da ich auf dem „Boss“-Dromedar natürlich vorneweg reite. Doch mein launischer Genosse hört nicht recht auf mich und geht lieber seinen eigenen Weg. Zur Strafe werden wir ganz ans Ende der Reihe degradiert und müssen dort die ganze Safari ausharren.

Zu dieser Jahreszeit umgibt uns die Natur tatsächlich öfter als gedacht in einem fast schon saftigen grün. Geht man auf Kamel-Safari hat man natürlich sofort die klischeehafte Vorstellung von nie endenden, gelben Sanddünen bei Sonnenuntergang. Die erste Enttäuschung über die Nichterfüllung dieser Vorstellungen vergeht schnell, weil uns allen klar wird, dass eine Menge Regen auch zu einer Menge Nahrung führt. Je mehr Regen, desto weniger Sorgen müssen sich die Menschen, die in den kleinen Orten, jenseits der Städte wohnen, machen.

Mit meinem am Tag vorher gekauften Wüstenoutfit kann mir die morgendliche Wärme nichts anhaben, zumal es recht windig ist. Ab 11 Uhr jedoch bin auch ich froh, unter einem schattenspendenden Baum zu liegen. Schon jetzt tut mir mein Steißbein weh und die Beine fühlen sich an, wie nach einem „Leg-Day“ bei McFit. Während die Mittagspause in Deutschland maximal eine Stunde dauert, liegen wir für circa 4 Stunden unter dem Baum. Niemand ist so naiv jetzt loszureiten.

Indien zeigt sich fernab der Städte von einer ganz anderen Seite. Nur selten begegnen uns Menschen, die uns aber immer freundlich wahrnehmen. Manchmal hausen sie in einer maroden, aus Holz und Plastik selbst gebauten Unterkunft und schlafen unter freiem Himmel. Ein Umstand, der für Armut spricht, aber für uns heute Luxus bedeutet, den wir sogar bezahlen. Von der Idee, unter dem Sternenhimmel in der Wüste zu schlafen, ist jeder in unserer Gruppe fasziniert.

img_20170913_174017.jpg

Die steppenartige und von Windrädern übersäte Landschaft wird ab und zu von Sanddünen unterbrochen. Der Bau der Windräder ist eines der wenigen von der Regierung unterstützten Projekte zur Stromversorgung der ländlichen Bevölkerung, aber auch der Militärbasen an der Grenze. Wir reiten hinein in eine der größeren von Sanddünen geprägten Wüstenabschnitte. Die Sonne nähert sich dem Horizont und wir erreichen unsere Unterkunft. Vor einer kleinen Holzhütte stehen vier Betten, windgeschützt durch die uns umgebenen Dünen. Hier ist der Sand tatsächlich so blond wie Tom Petty´s Haare.

Wir besteigen alle gemeinsam die umliegenden Dünen und finden nach ein paar Minuten den höchsten Punkt – von dem aus wir am besten auf den Sonnenuntergang schauen können. Für Lucas und mich könnte es nicht besser sein. Miguel hat Kino studiert und kennt sich super mit Fotografie aus, dazu hat Dannie eine Drohne mitgebracht, die er gleich mal fliegen lässt. Es entstehen tolle Aufnahmen und noch besser: Wir können das ganze Spektakel noch viel intensiver erleben. Leider sind die Bilder im Blogeintrag alle nur von meinem Handy, da ich die Fotos unserer Begleiter noch nicht habe. Die kommen später!

Noch besser als die untergehende Sonne ist der Sternenhimmel, der sich prächtig über uns aufbaut. Eine Stunde nach dem Sonnenuntergang kann man schon die Milchstraße sehen. Wir legen uns auf unsere Betten und genießen die Situation, wie sie ist. Die von Süden aus kommende Hochzeitsmusik ignorieren wir jetzt einfach mal, passt sie doch überhaupt nicht ins Motiv.

Was ins Motiv passt, ist der am darauffolgenden Tag erscheinende Sonnenaufgang. Wir satteln nach einem kleinen Frühstück unsere Kamele und reiten in Richtung Endpunkt unserer Safari. Ich verabschiede mich von meinem Dromedar, das sich immerhin am Ende wieder ganz gut benommen hat. Es ist nicht sehr schwer diese Tiere zu reiten (besser gesagt: drauf sitzen zu bleiben), nur tut es uns verwöhnten Europäern doch ziemlich weh!

Bevor uns unser Fahrer wieder nach Jaisalmer fährt, schauen wir noch in einer Geisterstadt vorbei. In Khabha angekommen, werden wir selbstverständlich von einem Fort begrüßt. Diesmal jedoch ist das, was sich dahinter verbirgt viel interessanter. Eine ehemalige, nur noch aus Ruinen bestehende Siedlung, zeigt das Schicksal vieler ehemaliger Orte dieser Umgebung.

Nachdem die Briten Indien zu ihrer Kolonie erklärten, sank die Bedeutung der ehemaligen Handelsstadt „Jaisalmer“, der letzten großen Stadt vor Pakistan, stark. Bombay bildete nun den Umschlagsplatz für den explodierenden Seehandel und Jaisalmer verkam zu einer Geisterstadt. Ein neues Schienennetz wurde aufgrund der strategischen Bedeutung in Richtung Pakistan errichtet und steigerte wieder die Bedeutung Jaisalmers. Doch Khaba ist bis heute verlassen. Nur ein paar Frauen laufen mir über den Weg während ich die Ruinen erkunde.

„Wüstenstadt.“ „Goldene Stadt.“ So wird Jaisalmer, die uralte Karawanenstadt auch heute noch genannt. Der umliegende Wüstenstaub sammelt sich tatsächlich in den kleinen Ritzen der Hauswände und auf den Straßen. Die Häuser sehen in einem Moment noch staubig braun aus und flimmern im nächsten auf einmal in einem königlichen gold.

Auch hier ist die Hauptsehenswürdigkeit das Fort, wie immer platziert auf einer Anhöhe. Besonders beeindruckend ist hierbei das Innere der Tempel. Man mag meinen, es handele sich bei all den Abbildungen von Menschen, Monstern und Göttern, um Holzschnitzkunst. Jedoch sind diese Kunstwerke der Beleg einer hochentwickelten Steinmetzkunst.

Jaisalmer bildet oft das Ende der Reise gen Westen. Ab hier beginnt die infrastrukturelle Abschottung gegenüber dem Erzfeind Pakistan. Als wir mit dem Bus abreisen, fahren wir am Flughafen der indischen Air Force und gleich danach an ein paar dutzend Armeefahrzeugen vorbei. Grund dieser Abschottung ist die Uneinigkeit über die territoriale Aufteilung der Gebiete Jammu und Kashmir. Im Bus Richtung Jodhpur läuft ein Antikriegsfilm, über die Befreiung von Indern aus den Gefängnissen Pakistans und von Pakistani in den Gefängnissen Indiens.

IMG_20170912_172543

Wohinnoch? ist ein Reiseblog, in dem wir mit ausgiebig Zeit die weniger beachteten Orte dieser Welt besuchen.

Kommentar verfassen

Translate »
%d